Erwin Mohr: Entwicklungen sind gestaltbar

Gemeinden und Regionen sind es, die im europäischen Gefüge an Bedeutung dazu gewinnen werden. Wie diese ihre eigene Zukunft aktiv gestalten können und sollen, verrät Erwin Mohr, selbst ehemaliger Bürgermeister und Vertreter des Gemeindebundes auf europäischer Ebene.

Durchaus vergleichbare Gemeinden verzeichnen manchmal völlig unterschiedliche Entwicklungen, ähnliches gilt bei Regionen und Nationalstaaten. Vergleichen wir etwa die Gesundheitssysteme in Europa, stellen wir fest, dass Griechenland fast doppelt so viele Ärzte hat wie Dänemark. Trotzdem werden die Dänen älter, sind gesünder und viel zufriedener mit ihrem System als die Griechen. Österreich hat übrigens nach Griechenland die zweithöchste Ärztedichte, allerdings auf die Städte konzentriert. Ein anderes anschauliches Beispiel gibt es im Umweltbereich: Während die Kopenhagener knapp 40 Prozent ihrer täglichen Fahrten mit dem Fahrrad zurücklegen, liegt dieser Anteil in Wien nur bei etwa zehn, in Vorarlberg bei 20 Prozent. Und dies, obwohl das Rheintal und der Walgau ebenso flach sind wie die dänische Hauptstadt. In Vorarlberg ist es andererseits gelungen, die Fahrgastzahlen im Öffentlichen Verkehr durch entsprechende Maßnahmen in den letzten fünf Jahren um 50 Prozent zu steigern.

Bereits aus diesen Beispielen wird ersichtlich, dass Entwicklungen systembedingt und damit gestaltbar sind. Allerdings braucht es dazu den politischen Willen und die gesellschaftliche Akzeptanz. So wie jedes Unternehmen, das langfristig erfolgreich sein will, seine Strukturen und Produkte ständig verbessern muss, sind auch Gemeinden, Regionen und Staaten gefordert, ihre Systeme und Leistungen laufend zu prüfen und zu optimieren.

Europa braucht erfolgreiche Regionen und Kommunen

Erfolgreiche Regionen und Kommunen sind ein Schlüssel für unseren heutigen und zukünftigen Wohlstand. Das stellt man auf europäischer Ebene immer öfter fest. Sie sind nämlich die bürgernächsten Ebenen und zeichnen für die gesamte Daseinsvorsorge der Menschen verantwortlich. Von der intelligenten Ausgestaltung ihrer Dienste hängt es ab, ob die Bevölkerung damit zufrieden ist und ob die Angebote auch leistbar sind. Darüber hinaus sind Top-Regionen auch Vorbilder und Motoren gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung. Diese brauchen wir dringend, will Europa auch in Zukunft noch in der Champions-League spielen: 90 Prozent des weltweiten Wachstums wird in diesem Jahrzehnt nämlich nicht in Europa stattfinden. Und noch ein wichtiger Trend sei erwähnt: Die Nationalstaaten müssen zunehmend Kompetenzen nach oben (an Brüssel) und nach unten an die Regionen abgeben. Es stellt sich in den kommenden Jahrzehnten daher die Frage, ob und wofür es die Nationalstaaten überhaupt noch braucht, wenn die nationalen Grenzen durch interregionales Zusammenarbeiten ihre Trennfunktion verlieren.

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© Rainer Sturm-pixelio.de
Für die Zukunft gilt es, das Potenzial der Generation 60plus zu erkennen.

Landflucht stoppen, Chancen nützen

In Vorarlberg, wie übrigens in ganz Österreich, gibt es Regionen wie das Rheintal oder den Walgau, die laut Prognosen in den nächsten 40 Jahren ein deutliches Bevölkerungswachstum verzeichnen werden. Dem gegenüber stehen Regionen wie der Bregenzerwald, das Große Walsertal, das Klostertal und insbesondere das Montafon, die stagnierende bis stark abnehmende Bevölkerungszahlen zu erwarten haben. Es ist ein weltweiter Trend: Die Jungen ziehen in die Städte und Ballungsgebiete, die Alten bleiben zurück. Doch es gibt auch hier Erfolgsrezepte. Kommunen oder Talschaften, die zum Beispiel auf gemeinnützige Mietwohnungen und familienfreundliche Kindereinrichtungen setzen, werden junge Familien viel eher halten können als jene, die nichts tun.

Für einen Gemeindeverantwortlichen gibt es dazu nur ein Credo: Tue alles, was das Leben von Frauen zwischen 15 und 45 in deiner Gemeinde angenehm macht; sie allein sind es, die die Einwohnerstatistik bestimmen – abgesehen von gelegentlichem Zuzug. Hervorragende Bildungseinrichtungen sind ein wichtiger regionaler Standortfaktor. Genauso wie innovative Handwerksbetriebe, die eine exzellente Ausbildung für Lehrlinge sowie gute Verdienstmöglichkeiten bieten. Die Kleinbetriebe haben sich auch in der Krise als Stabilitätsfaktor erwiesen, Handwerk hat noch immer goldenen Boden. Es ist erstaunlich, wie viele kleine Handwerker aus Vorarlbergs Talschaften Aufträge im industriestarken Rheintal und Walgau an Land ziehen. Die Verbindung von gediegenem Handwerk und modernem Design bringt neue Produkte auf den Markt. Wie sonst wäre es möglich, dass z.B. ein Schuhmacher aus Bezau bis nach Asien exportiert.

Während in den Ballungsgebieten die besten Jugendlichen Arbeitsstellen in den großen Top-Unternehmen bekommen, werden sie in den Talschaften oft zu hervorragenden Handwerkern oder perfekten Dienstleistern ausgebildet und gründen nicht selten später ihr eigenes Unternehmen in der Region. Wer dieses Potenzial sieht und pflegt, der punktet.

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Vom Glückslevel her, befindet sich Österreich gleichauf mit Griechenland. (Europäische Erhebung aus 2007)

“Der Bauer als Star”

In einer interessanten Renaissance befindet sich unsere Landwirtschaft: “Der Bauer als Star”. Nach den Weinbauern und den Köchen als Stars folgen nun die Bauern mit ihren echten und unverfälschten Lebensmitteln. Selbst die großen Supermarktketten haben in Zeiten von Lebensmittel-Skandalen die Bauern wieder entdeckt und in die Werbung aufgenommen. Kaum eine Werbebroschüre oder Menükarte in gehobener Gastronomie kommt ohne Ursprungs-Hinweis und Foto des Produzenten aus. Gerade in einem Tourismusland wie Vorarlberg ist diese Identität, die Echtheit der Lebensmittel und die Verschränkung mit Handel, Gastronomie und Hotellerie ein unschätzbarer Mehrwert. Und den innovativen Landwirten winken neue Vermarktungs- und Verdienstmöglichkeiten.

Älter werdende Gesellschaft hat auch Chancen

Unsere Gesellschaft wird nicht nur vielfältiger und bunter, sie wird auch älter. Viel älter. Das wird uns vor neue Herausforderungen stellen: am Arbeitsmarkt, bei den Pensionssystemen, im Gesundheitssystem. Hier sollten wir die besten Modelle Europas betrachten. Es gibt bereits jetzt Regionen z.B. in Finnland oder Irland, die sich auf Dorfgemeinschaften mit überwiegend älterer Bevölkerung einstellen mussten. Dabei kristallisierte sich ein neues gesellschaftliches Verhalten heraus. Die jüngeren Alten (60+Generation) kümmern sich um die Hochbetagten und leisten soziale Dienste, zum Teil ehrenamtlich, in der Betreuung und Versorgung der Ältesten.

Ähnliche Entwicklungen haben wir auch in Vorarlberg, man denke nur an die zahlreichen Seniorenbörsen, die in den letzten Jahren einen Gründerboom verzeichnen. Die “gewonnene Generation” für ehrenamtliches Engagement zu begeistern, birgt also eine gewaltige Chance. Die Aussichten stehen nicht schlecht, wenn man dem Österreichischen Freiwilligenbericht 2010 Glauben schenkt. 58,4 Prozent der Bevölkerung wären zu solchem Engagement bereit, “wurden aber noch nie gefragt”. Freiwillige Arbeit ist zudem ein Vorzug des ländlichen Raumes. Hier sind österreichweit 34 Prozent bürgerschaftlich engagiert, in größeren Städten nur 14 Prozent. 

Erfolgsfaktoren zu echtem Wohlstand

Erfolgreiche Regionen oder Gemeinden werden schlussendlich daran gemessen, welchen Wohlstand die Menschen dort vorfinden. Nicht nur materiellen Wohlstand, ich meine vor allem sozialen Wohlstand. Orte, wo es Chancengleichheit für Frauen und Männer gibt, wo es keine Kluft zwischen Alt und Jung gibt, wo Einkommen einigermaßen gerecht verteilt sind, wo auch die Ärmsten genug zum Leben und gleiche Bildungschancen haben. Wo das Sozialkapital und die Solidarität hoch sind. Wer das schafft, gehört zu den wirklichen Top-Gemeinden und Regionen. Übrigens, die Dänen liegen beim EU-Glücksindex, der aus obigen Faktoren zusammengesetzt ist, auf dem 1. Platz in Europa, Österreich gleichauf mit Griechenland an 19. Stelle.

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Erwin Mohr war bis vor wenigen Monaten erfolgreich Österreichs Vertreter auf europäischer Ebene. Er war 24 Jahre lang Bürgermeister von Wolfurt und kennt damit beide Ebenen sehr genau. ©Gemeindebund

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