Blackout-Vorsorge: Was wir aus der Coronakrise lernen können und wie wir das Kommunale Investitionsprogramm dazu nützen können

Das Thema Blackout, und wie sich Gemeinden dafür rüsten können, wurde auf Kommunalnet bereits beleuchtet. Blackout-Experte Herbert Saurugg skizziert in einem weiteren Beitrag, was man aus der Coronakrise lernen kann und wie das Kommunale Investitionsprogramm dazu genutzt werden kann, um die kritische Infrastruktur in Gemeinden zu stärken.

Wir haben die bisherige Coronakrise sehr gut bewältigt. Das ist aber kaum auf eine gute Vorbereitung als vielmehr auf sehr viel Glück zurückzuführen. Vor allem, da es weder zur den erwarteten Massenerkrankungen und zur Überforderung des Gesundheitssystems, noch zu einem weitreichenden Ausfall von Liefer- und Versorgungsketten kam. Das war im März 2020 nicht absehbar, auch, weil viel zu spät auf die sich bereits seit Jänner ankündigende Pandemie reagiert wurde. Daher war der Lockdown mit seinen vielen Nebenwirkungen vollkommen richtig und wichtig. Ein zweites Mal würde das aber kaum gut gehen. Wir sollten uns daher nicht mit dem zufriedengeben, wie es bisher gelaufen ist, sondern kritisch hinterfragen: Was wäre passiert, wenn die Dinge anders verlaufen wären? Also nicht Schwamm drüber und zurück zum Alltag, sondern überlegen, was wir aus den Erfahrungen der letzten Monate für zukünftige Ereignisse lernen können.

Bild: ZVG
Herbert Saurugg ist Blackout-Experte und berät Gemeinden bei der Vorsorge für den Ernstfall. Saurugg beschäftigt sich seit rund zehn Jahren mit der steigenden Komplexität und Verwundbarkeit lebenswichtiger Infrastrukturen sowie mit den möglichen Lösungsansätzen, wie die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern wieder robuster gestaltet werden kann. Er plädiert dafür, dass man aus der Coronakrise für den Blackout lernen müsse. (Bild: ZVG)

Risikoabsicherung

Aus der Risikoforschung wissen wir, dass wir uns mit Ereignissen, die wir noch nicht selbst erlebt haben, sehr schwertun und uns oft nicht vorstellen können. Aber gerade bei sehr seltenen Ereignissen, die noch dazu ein enormes Schadenspotenzial aufweisen, können wir es uns nicht leisten, erst aus der Erfahrung klug zu werden. Neben der Pandemie gehören auch europaweiter Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall (“Blackout”) oder die eskalierende Klimakrise zu diesen Ereignissen, wo ein “Denken auf Vorrat” erforderlich ist.

Daher empfiehlt uns in solchen Fällen die Risikoforschung folgende Fragestellungen:

  • Was würde es bedeuten, wenn ich mit meiner Einschätzung falsch liege?
  • Wie schlimm wäre ein solches Szenario und welches Schadensausmaß wäre mit ihm verbunden?
  • Welche Maßnahmen können ergriffen werden, um uns gegen ein solches Szenario abzusichern, sollte es dennoch eintreten?
  • Welche Kosten wären mit diesen Maßnahmen verbunden und in welchem Verhältnis stehen sie zum erwartbaren Schadensausmaß?

Wenn die erwarteten Kosten für Vorsorgemaßnahmen im Vergleich zum Schadensausmaß deutlich geringer sind, ist Handeln geboten. Diesem Prinzip der Risikoabsicherung folgen wir zum Beispiel dann, wenn wir im Auto einen Sicherheitsgurt anlegen: Es ist extrem unwahrscheinlich, dass wir in einen schweren Unfall verwickelt werden, und trotzdem sichern wir uns ab.

Entscheidungsmatrix

Daher ist es auch notwendig, Ereignisse wie eine Pandemie, einen europaweiten Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall (“Blackout”) oder den Klimawandel mit anderen Maßstäben zu bewerten, als wir das bei sonstigen Risiken tun.

©robert kneschke/fotolia.com
Vorsorgen ist unerlässlich: Gerade weil wir in der Grundversorgung so stark von internationalen Lieferketten abhängig sind, ist ein Umdenken zu regionaler Produktion ein guter Weg, Lieferengpässe zu bewältigen. ©robert kneschke/fotolia.com

Natürlich stellen sich viele Verantwortliche die Frage, ob beispielsweise die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Blackouts wirklich so hoch ist, wie das von verschiedenen Seiten kommuniziert wird. Es gibt auch genügend gegenteilige Aussagen. Wem soll man glauben, wenn kein Konsens herstellbar ist? Wir neigen dann dazu, jenem zu glauben, wo für uns selbst der bequemste Weg herausschaut: Also weitermachen wie bisher, keine Veränderung. Das ist normal, weil damit am wenigsten Energieaufwand verbunden ist. Die Wissenschaft empfiehlt daher wieder zu fragen: Was, wenn wir falsch liegen?

Statt weiter über mögliche Tatsachen oder Details zu diskutieren, sollten wir den Blick auf die bestehende Unsicherheit richten. Das bedeutet, es geht nicht mehr darum, wer Recht hat, sondern um eine möglichst objektive Folgenabschätzung. Hierzu bietet sich eine einfache Entscheidungsmatrix an:

Vorsorgemaßnahmen

Keine Vorsorgemaßnahmen

Ein Blackout tritt nicht ein

Ökonomischer Schaden/Aufwand (durch Maßnahmen)

Kein Verlust

Ein Blackout tritt ein

Ökonomischer Schaden/Aufwand (durch Maßnahmen)

Schäden können reduziert werden

Ein gewaltiger ökonomischer, sozialer, politischer und gesundheitlicher Schaden; zum Teil irreversibel

Damit sollte relativ rasch außer Streit gestellt werden können, dass ein Handlungsbedarf besteht. Denn der bereits in den anderen Ausgaben ausführlich dargestellte potenzielle Schaden steht in keinem Verhältnis zu den erforderlichen Aufwänden für die Vorsorge. Diese beginnt mit einfachen Erhebungen, wie sie im Leitfaden für Gemeinden (www.saurugg.net/gemeinde) dargestellt werden, um überhaupt einmal einen Überblick zu erhalten, welche Problemfelder zu erwarten sind. Dazu sind noch lange keine großen Investitionen erforderlich. Es braucht nur den Mut, den Tatsachen einmal ins Auge zu schauen.

Bei einem Blackout kommt sofort alles zum Stillstand

Die Coronakrise ist eine schleichende Krise, die sich angekündigt hat, wo aber kein klares Ende absehbar ist. Der Vorteil ist, dass noch während der Krise viele Dinge organisiert werden können, da nur in Einzelfällen ein akuter Handlungsbedarf besteht und die Kommunikationsinfrastruktur funktioniert.

Bei einem Blackout kommt sofort alles zum Stillstand. Anders als bei der Coronakrise würde etwa die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern abrupt unterbrochen werden. Da bleiben dann keine Tage oder Wochen zum Reagieren, sondern nur wenige Stunden. Ansonsten droht Chaos.

©Pixabay/Peggy und Marco Lachmann-Anke
Während der Corona-Pandemie haben viele von uns aufgrund der Reiseeinschränkungen erstmals erlebt, wie es bei manchen Waren zu Lieferengpässen gekommen ist. Einzelne Schwachstellen in der Logistik können zum Komplettausfall ganzer Industriezweige führen. Durch Eigenvorsorge und die Stärkung des regionalen Standorts kann man diese Gefahr umgehen. ©Pixabay/Peggy und Marco Lachmann-Anke

Bei vielen anderen Krisen und so auch bei der Coronakrise waren die übergeordneten Verwaltungsebenen federführend und haben den Gemeinden viele Vorgaben gemacht, die nur mehr umzusetzen waren. Bei einem Blackout wird das alles nicht möglich sein. Die Gemeinden müssen dann selbstständig und autark handeln. Das ist vielen Gemeindevertretern noch nicht wirklich bewusst. Der Grundstein für den Erfolg oder Misserfolg wird bereits jetzt gelegt.

Die Coronakrise war daher nur ein sanfter Vorgeschmack auf das, was wir erleben könnten, sollte das Österreichische Bundesheer mit seiner Risikoeinschätzung recht behalten, dass mit einem solchen Ereignis binnen der nächsten fünf Jahre zu rechnen ist.

Verwundbare Lieferketten

Vielen Menschen ist in der Coronakrise bewusst geworden, wie viele Abhängigkeiten es von den internationalen Lieferketten gibt. Dabei hatten wir noch richtig Glück, da es bisher zu keinen nennenswerten Ausfällen gekommen ist. Dennoch standen viele Menschen erstmals vor leeren Regalen. So etwas war bisher nicht vorstellbar. Dies passierte aufgrund einzelner Flaschenhälse in der Logistik und das, obwohl alles funktionierte und nur relativ wenig Menschen erkrankt sind. Die bisherigen Annahmen für eine Pandemie gehen von ganz anderen Ausfallzahlen aus. Und es war mit Sicherheit nicht die letzte Pandemie.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass es enorme Schwachstellen in den Logistikketten gibt. Es besteht sogar die Gefahr, dass es im schlimmsten Fall zu einem Komplettausfall ganzer Industriezweige, also einem Lieferkettenkollaps kommt. Über 35 Prozent der kritischen Lieferanten sind im Ausland beheimatet. Das bedeutet, auch wenn wir alles im Griff zu haben scheinen, kann ein solcher Lieferkettenzusammenbruch wie im Stromnetz ganz woanders ausgelöst werden. Daher ist eine fundierte Risikoeinschätzung nur schwer möglich. Klar ist aber, dass es in vielen Bereichen an der notwendigen Robustheit fehlt, um mit größeren Störungen umgehen zu können. Daher sollten wir uns durch die positiven Erfahrungen in den vergangenen Wochen und Monaten nicht in falscher Sicherheit wiegen.

Gestiegene Blackout-Gefahr durch Stromüberschuss

Was in den vergangenen Monaten auch nur wenige Menschen mitbekommen haben, ist, dass es während des Lockdowns eine erhöhte Blackout-Gefahr gab. Denn nicht nur eine Strommangellage, sondern auch ein Stromüberschuss kann für die Stabilität des europäischen Stromversorgungssystems gefährlich werden, insbesondere wenn dabei sehr viel Strom aus Photovoltaik- und Windkraftanlagen zur Verfügung steht. Und genau das ist eingetreten. Wesentliches Problem: Uns fehlen zunehmend die notwendigen Energiespeicher und Puffer, um die schwankende Produktion aus Wind- und PV-Anlagen in Echtzeit ausgleichen zu können.

©Diyanadimitrova/fotolia.com
Nicht nur dann, wenn es Strommangel gibt, sondern auch bei Stromüberschuss erhöht sich die Gefahr für einen Blackout. Besonders riskant ist dabei, wenn sehr viel Strom aus Photovoltaik- und Windkraftanlagen zur Verfügung steht. Dafür fehlen nämlich die notwendigen Energiespeicher und Puffer, um die schwankende Produktion aus Wine- und PV-Anlagen ausgleichen zu können. ©Diyanadimitrova/fotolia.com

Die Ursache ist ein Denkfehler in der bisherigen Energiewende. Es wird so gut wie überall nur vom Ausbau von Erneuerbaren Energie-Anlagen (EE) gesprochen. Dabei wird übersehen, dass die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch permanent sichergestellt werden muss, damit das Ganze funktioniert. Bisher haben das konventionelle Kraftwerke übernommen, die aber zunehmend häufiger aus dem Markt gedrängt oder stillgelegt werden. Dieses Problem wird sich in den nächsten Jahren noch deutlich verschärfen. Daher stellt sich die Frage, was wir aus der bisherigen Coronakrise lernen können.

Unzureichende Ziele

Die aktuellen Corona-Hilfspakete haben vor allem das Ziel, Arbeitsplätze zu sichern und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Von der während des Lockdowns geforderten Steigerung der Robustheit hört man hingegen nur mehr wenig. Daher besteht die Gefahr, dass die bereitgestellten Mittel unzureichend genutzt werden. Wir könnten leicht wieder in das alte Fahrwasser geraten und bei der nächsten Eskalation oder Krise erneut unvorbereitet überrascht werden. Daher sollte das primäre Ziel des nun forcierten staatlichen “Wiederaufbauprogramms” die Erhöhung der infrastrukturellen Robustheit und gesellschaftlichen Resilienz sein. Damit lassen sich genauso Arbeitsplätze sichern und schaffen, aber mit dem wichtigen Zusatzeffekt, dass wir dann hoffentlich besser auf die nächsten unerwarteten Ereignisse vorbereitet sind.

Gemeinden sind gefordert

Daher sind hier auch die Gemeinden und Bürgermeister gefordert, diese Mittel zukunftswirksam und robustheitsfördernd einzusetzen. Der Handlungsspielraum ist gegeben, denn die Zuschüsse im Rahmen des Kommunalen Investitionsprogramms (KIP) für Investitions-, Sanierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen in den Bereichen

©Pixabay/Ismael Marder
Im Rahmen des KIP werden verschiedene Gemeinde-Projekte gefördert. Saurugg plädiert dafür, die Chance zu nutzen und in widerstandsfähige Infrastruktur zu investieren, wie etwa E-Mobilität und die entsprechenden Ladestationen. ©Pixabay/Ismael Marder
  • Einrichtungen für die Betreuung von Senioren und behinderten Personen,
  • Sanierung und Errichtung von Gebäuden im Eigentum der Gemeinde,
  • Energieeinsparungen und Straßenbeleuchtung,
  • Photovoltaikanlagen auf gemeindeeigenen Dächern,
  • Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungseinrichtungen sowie
  • Ladeinfrastruktur für E-Mobilität

sind dazu geeignet, auch das Thema Robustheit voranzutreiben und zu priorisieren.

Wir wissen etwa, dass Betreuungseinrichtungen bei einem Blackout besonders verwundbar und oft wenig vorbereitet sind. Hier könnte mit einer inselbetriebsfähigen Photovoltaik-Anlage (PV-Anlage + Netztrennung + inselbetriebsfähiger/hybrider Wechselrichter + Speicher) sowohl ein Beitrag zum Klimaschutz als auch zur Notversorgungsfähigkeit getätigt werden. Mit einer derartigen Anlage kann auch die Robustheit von gemeindeeigenen Gebäuden oder von Einsatzorganisationen erhöht werden.

Daher sollte nicht nur in PV-Anlagen, sondern vor allem in funktionale Einheiten (“Energiezellen”) investiert werden, damit im Krisen- oder Blackout-Fall auch eine Notversorgung aufrechterhalten werden kann. Das wäre etwa bei Supermärkten oder sonstigen wichtigen Einrichtungen eine sinnvolle Investition, um zumindest die Kühlkette und einen Notbetrieb aufrechterhalten zu können. Könnte das nicht in die Bauordnung aufgenommen werden? Wir müssen Dinge einfach neu und zu Ende denken und möglichst viel Nutzen herausholen.

Robustheit in den Vordergrund stellen

Ob es gelingen wird, wieder eine rudimentäre Medikamentenproduktion nach Europa zu holen, wird sich zeigen. Das hängt von vielen Rahmenbedingungen ab. Ob die Gemeinde im Fall des Falles eine Notversorgung aufrechterhalten kann, liegt aber vor allem im Weitblick der handelnden Akteure. Allzu oft erwarten wir, dass schon irgendjemand anderer etwas unternehmen wird oder zuständig ist. Meist vergeblich.

Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften

Die nationale Umsetzung der EU-Richtlinien zur Schaffung von Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften und Bürgerenergiegemeinschaften ist noch ausständig. Diese böten eine große Chance, das Thema Robustheit und Energiewende zu kombinieren und voranzubringen. Denn die Energiegemeinschaften sollten nicht nur Abrechnungsgemeinschaften, sondern vor allem funktionale Einheiten (“Energiezellen”) darstellen, die im Ausnahmefall auch eine entsprechende Notversorgung sicherstellen können.

Energiezellen

Wir reden zwar häufig von einer dezentralen Energiewende, berücksichtigen aber viel zu wenig, dass für ein funktionierendes System mehr als nur eine dezentrale volatile Erzeugung notwendig ist. Damit die Energiewende auch technisch funktionieren kann, braucht es diverse Produktionseinheiten, die sich ausgleichen und ergänzen können, inklusive Speicher und Puffer. Durch eine zellulare Struktur ist eine einfachere Implementierung in das laufende zentralisierte System möglich. Damit kann auch die Gefahr der großflächigen Ausbreitung von Störungen reduziert werden, wenn die entsprechenden technischen Vorkehrungen getroffen wurden.

©Pixabay/Gerald Krieseler
Zur Stärkung der Infrastruktur eignen sich auch alternative Energiegewinnungsanlagen. Dabei ist eine Kombination aus PV-Anlagen, Notstromaggregaten, Blockheizkraftwerken, Biogasanlagen, (Batterie)speichern etc. anzustreben. Ein Beispiel für eine kreative Lösung ist das Projekt H2_S in Schladming in der Steiermark. ©Pixabay/Gerald Krieseler

Eine inselbetriebsfähige PV-Anlage ist die kleinste Energiezelle. Ökonomisch sinnvoll ist das nur selten, außer man rechnet die Möglichkeit eines Ausfalls mit ein. Damit eine Energiezelle robust wird und auch im Störungsfall eine definierte Notversorgung aufrechterhalten kann, sind größere Einheiten erforderlich. Dabei ist eine Kombination aus PV-Anlagen, Notstromaggregaten, Blockheizkraftwerken, Biogasanlagen, (Batterie-) Speichern etc. anzustreben. Einen neuen Ansatz stellt wie im aktuellen Projekt H2_S in Schladming (www.h2-s.at) der Einsatz einer dezentralen Wasserstoffproduktion und die Rückverstromungsmöglichkeit dar. Auch Power-to-Heat, also wo überschüssiger Strom in Wärme umgewandelt wird, trägt zum Gelingen einer Energiezelle bei.

Wobei immer das Gesamtsystem zu betrachten ist. Denn sowohl Wasserstoff- als auch Power-to-Heat Lösungen sind grundsätzlich einmal ineffizient, auch wenn sie trotzdem Teil der Lösung sind. Kommunale Energiezellen sind wesentlich effizienter und sinnvoller als Einzelanlagen auf Objektebene. Wir müssen die Dinge zu Ende denken und bisherige Denksilos aufbrechen.

Mit Energiezellen kann auch der Bedarf an Infrastrukturausbaumaßnahmen reduziert oder umgeschichtet werden. Dies erfordert jedoch wiederum einen ganzheitlichen Zugang, weg von der Einzeloptimierung und hin zur Gesamtoptimierung. Derartige Energiezellen sind durch die regulatorischen Rahmenbedingungen bisher nur schwer oder mit Mehraufwand umsetzbar, da diese noch auf das bisherige Versorgungssystem optimiert wurden. Daher besteht ein Anpassungsbedarf. Je klarer und nachvollziehbarer wir diesen Anpassungsbedarf kommunizieren, desto rascher wird sich etwas ändern. Dabei würde es sicher helfen, wenn dieser Bedarf wie hier skizziert durch viele Gemeinden kommunizieren würde.

Regionale Versorgung

Wenn man das Ganze weiterdenkt, dann gehört zu diesem Energiezellenmodell auch eine gewisse regionale Eigenversorgungsfähigkeit mit Lebensmitteln. Hier haben sich in den vergangenen Monaten zahlreiche Initiativen gebildet, die nun auch weiter gefördert werden sollten. Denn sollte es, wodurch auch immer zu Lieferkettenproblemen oder im schlimmsten Fall zu Unterbrechungen kommen, dann kann damit noch eine regionale Notversorgung aufrechterhalten werden. Dazu ist aber wiederum eine entsprechende Vorbereitung erforderlich.

Dabei geht es nicht um ein entweder-oder, sondern immer um ein sowohl-als-auch-Denken. Das bedeutet, die Vorzüge der Globalisierung müssen nicht aufgegeben werden. Jedoch soll eine minimale regionale Eigenversorgungsfähigkeit auch in Krisenzeiten sichergestellt werden können. Wir haben uns unüberlegt in sehr gefährliche Abhängigkeiten begeben, die von einem Augenblick auf den anderen schlagend werden können. Die Wahrscheinlichkeit mag zwar gering erscheinen, aber die Folgen wären katastrophal. Daher schließt sich hier wieder der Kreis zur überlebenswichtigen Risikoabsicherung.

Ganzheitliche Lösungen

Auch wenn wir in vielen Bereichen noch am Anfang stehen, kann mit den heutigen Investitionen sehr viel zu einer positiven Entwicklung beigetragen werden. Die Gemeinden können jetzt die entsprechenden Forderungen aufstellen und die Grundlagen für ein langfristiges Planen und Handeln schaffen. Dabei spielt auch das Thema Energieeffizienz und Energieeinsparung eine wichtige Rolle. Denn jede Kilowattstunde, die nicht gebraucht wird, muss auch nicht erzeugt oder gespeichert werden. Hier ist wiederum ein Querdenken erforderlich, insbesondere zur Wärmeversorgung. Etwa durch den effizienten Einsatz von Wärmepumpen oder der Speicherung von Überschussstrom in Wärme (Warmwasser, Raumwärme). Auch Klimageräte tragen zu einem zunehmenden Stromverbrauch bei, was sich aber gut mit PV-Anlagen kombinieren lassen würde. Könnte das auch im Baurecht verankert werden? Kommunale Großspeicher ermöglichen zudem ein Schnellladen von E-Autos und tragen gleichzeitig zur Entlastung der Strominfrastruktur bei. Es gibt viele Möglichkeiten. Wir müssen nur daran denken.

Innovatives Fachwissen und Kommunale Resilienz-ManagerInnen

Wie sich an diesen wenigen Beispielen zeigt, gibt es viele Chancen, um aus der aktuellen Krise zu lernen und zur kommunalen Robustheit beizutragen. Wie sich jedoch auch zeigt, wird das kaum mit unserem bisherigen linearen Denken in Einzelteilen zu bewältigen sein. Hier ist ein hochgradiges vernetztes und langfristiges Denken und Handeln erforderlich.

Viele Gemeinden sind aber bereits heute mit den Alltagsproblemen sehr gut ausgelastet. Daher versucht die Österreichische Gesellschaft für Krisenvorsorge ein Ausbildungsprojekt für Kommunale Resilienz-ManagerInnen anzustoßen. Es ist wenig sinnvoll, dass jede Gemeinde ihr eigenes Süppchen kocht und dieselbe Lernerfahrung und Fehler machen muss. Diese Erkenntnis gibt es auch bereits beim Breitbandausbau. Daher entstand die Überlegung, ein Netzwerk von kompetenten Resilienz-ManagerInnen aufzubauen, die dann jeweils mehrere Gemeinden betreuen. Damit können die Kosten für alle reduziert und gleichzeitig ein umfangreiches Fachwissen aufgebaut werden. Aufgrund der umfangreichen Querschnittmaterie ist auch ein modulares Aus- und Fortbildungssystem notwendig. Das bedeutet, dass mit unterschiedlichen Ausbildungseinrichtungen zusammengearbeitet und auf das vorhandene Vorwissen aufgebaut werden soll. Das wird auch nicht von heute auf morgen umsetzbar sein, aber wir können jetzt die richtigen Schritte setzen, um nach und nach mit den vielschichtigen Herausforderungen besser umgehen zu lernen. Voraussetzung dafür ist, dass wir unseren Denkrahmen erweitern und Neues zulassen. Beginnen wir damit jetzt!

Zum Autor: Herbert Saurugg ist internationaler Blackout- und Energiewende-Experte, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV), Autor zahlreicher Fachpublikationen sowie gefragter Keynote-Speaker und Interviewpartner zu einem europaweiten Strom- und Infrastrukturausfall. Seit rund 10 Jahren beschäftigt er sich mit der steigenden Komplexität und Verwundbarkeit lebenswichtiger Infrastrukturen sowie mit den möglichen Lösungsansätzen, wie die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern wieder robuster gestaltet werden kann. Er betreibt dazu unter www.saurugg.net einen umfangreichen Fachblog und unterstützt Gemeinden und Organisationen bei der Blackout-Vorsorge.

Herbert Saurugg

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Die Coronakrise hat eines gezeigt: Höchst unerwartete Ereignisse können sehr plötzlich eintreten. Dazu zählt neben einer Pandemie auch der Blackout, ein großflächiger und länger andauernder Strom- und Infrastrukturausfall. Bei Corona konnte man sich zumindest noch mit Lebensmitteln eindecken und sich in den Medien informieren, bei einem Blackout käme das alles nach dem Eintreten schon zu spät. Deshalb ist Vorsorge so wichtig.

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