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Forum 4: Finanzierung des Alters

Wie könnte sich die Zukunft des Alterns finanzieren lassen? Im Forum vier wurden neue Projekte vorgestellt und Alternativen zum bisherigen System diskutiert.

Der Handlungsspielraum der Gemeinden bei der Finanzierung von Betreuung und Pflege ist eng gesetzt. Und dies nicht nur, weil Pflege Landessache ist, sondern weil die wesentlichen Grundsatzfragen anderswo entschieden werden. Gemeinden haben keinen Einfluss auf die Valorisierung oder eben Nicht-Valorisierung des Pflegegeldes, sie hatten praktisch keinen Einfluss darauf, dass der Nationalrat den Pflegeregress abgeschafft hat, und sie werden auch nicht die Entscheidung treffen, ob es eine Pflegeversicherung geben soll du welchen Beitrag in Zukunft Gepflegte und deren Angehörige selbst leisten müssen.

Impulsgeber des Forum 4 waren Mag. Philipp Hermann, Mag. Leopold Reymaier und Gernot Jochum-Müller, MSc. ©event-fotograf/Gemeindebund
Impulsgeber des Forum 4 waren Mag. Philipp Hermann, Mag. Leopold Reymaier und Gernot Jochum-Müller, MSc. ©event-fotograf/Gemeindebund

Altern im Zuständigkeitskonflikt

Andererseits: In den Gemeinden wohnen die Menschen. Sie leben dort, werden älter, in einigen Regionen Österreichs ist schon heute der Anteil der Über-65-Jährigen weit über 20 Prozent, und gerade in peripheren Regionen wird dieser Anteil weiter steigen und in zwei Jahrzehnten ein Drittel ausmachen. Daher muss das Altern in den Gemeinden organisiert werden, vom Nachbarschaftsdienst bis zur professionellen medizinischen Pflege. Unstrittig ist, und darauf verwies auch Leopold Reymaier von der Kommunalkredit, dass die Menschen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden verbleiben wollen. In der Regel ist das auch günstiger als eine stationäre Pflege. Das ist wichtig. Die Bedürfnisse der Menschen widersprechen hier budgetären Rahmenbedingungen nicht, im Gegenteil. Das ist die gute Nachricht.

Zeitpolster als Alternative zu herkömmlichen Modellen

Doch wie kann das in einer Zeit gelingen, in der Angehörige aus diversen Gründen nicht mehr diese Betreuungsleistungen wie einst übernehmen können? So haben etwa die Menschen heute weniger Kinder, diese leben auch immer öfter in anderen Gemeinden oder Bundesländern, zudem ist die Erwerbsbeteiligung gestiegen. Der Organisationsentwickler Gernot Jochum-Müller stellte im Forum 4 ein komplementäres Finanzierungsmodell vor, das bereits seit drei Jahren in St. Gallen etabliert ist: „Zeitpolster“. Dabei können Freiwillige ältere Menschen betreuen, etwa Einkaufen gehen oder bei der Gartenarbeit helfen, und damit Zeit ansparen. Die Betreuten zahlen pro Stunde acht Euro ein, aber nicht an den Helfer, sondern an die Organisation. Der Helfer spart nur, kann aber, wenn er oder sie selbst Betreuung benötigt, die angesparte Zeit konsumieren.

Kärntner Projekt unterstützt Angehörige

Im Bereich der Pflege berichtete Philipp Hermann vom Amt der Kärntner Landesregierung über CoNESNio, ein EU-Projekt, das auch in Slowenien und Italien erprobt wird und ein Netzwerk von diplomierten Krankenschwestern vorsieht, die in ländlichen Gemeinden einerseits Pflegedienstleistungen erbringen, aber, in einem ganzheitlichen Ansatz, auch die Angehörigen einbinden, die nach wie vor den Großteil von Betreuung und Pflege leisten. Die Krankenschwestern unterstützen die pflegenden Angehörigen, in dem sie Wissen vermitteln, zum Beispiel Hebetechniken. Eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien aus dem Jahr 2003 zur Pflegefinanzierung hat schon damals den Gesamtwert der informellen Leistungen, also die Arbeit von Angehörigen bei Pflege und Betreuung, auf zwei bis drei Milliarden Euro geschätzt.

Das waren nur zwei konkrete Beispiele aus Österreich. Es gab noch weitere aus anderen Ländern, etwa eine Art Pflege-WG-Modell in Berlin, betreute Wohnformen in Wien, denen allen gemeinsam ist, dass sie auf eine möglichst punktgenaue Befriedigung der spezifischen Bedürfnisse abzielen und damit der Effizienz und Sparsamkeit dienen. Es kommt zu keiner Überbetreuung.

Neue Lösungen brauchen rechtliche Flexibilität

Modelle wie diesen brauchen Kreativität und Mut sowie „mehr rechtliche Flexibilität“, wie Jochum-Müller betonte. Die Grenzen zwischen Pflege und Betreuung sind manchmal fließend, steuerrechtlich sind komplementäre Finanzierungsmodelle wie „Zeitpolster“ auch eine Herausforderung. Aber eine lösbare. Und natürlich bedürfen auch neue Ideen bei der Umsetzung einer Anschubinvestition. Die Dynamik der Kosten, etwa die Sozialumlage, macht es für die Gemeinden aber schwer, zu investieren. Und dazu kommt: Die Gemeinden müssen sich auch der Infrastruktur und der Daseinsversorgung widmen, die ebenfalls „mitaltern“ muss:  Barrierefreiheit, Nahversorgung für ältere Menschen, Erhaltung der Mobilität. Auch das müssen die Gemeinden leisten.




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