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HABEN SIE FRAGEN ZU ÖSTERREICHS GEMEINDEN?

Forum 4: Integration durch Arbeit und Bildung

Es sind jene Fragen, die seit dem Spätsommer 2015 nicht nur die Medienlandschaft und die Stammtischgespräche beherrschen, politische Entscheidungsträger und BürgerInnen bewegen, sondern auch bei den Kommunalen Sommergesprächen 2016 im Forum 4 diskutiert wurden: Wie umgehen mit den zehntausenden Menschen, die nach Österreich geflüchtet sind? Was bedeutet eine längerfristige Integration von Menschen unterschiedlicher Kulturen für unseren Arbeitsmarkt und unser Sozialsystem? Ist es möglich, Räume zu schaffen, die für alle einen Mehrwert darstellen? Im Forum 4, das unter dem Titel „Koordinierte Integration – Formen des Zusammenlebens“ stand, versuchten Vertreter aus der Wissenschaft und Politik, aus Hilfsorganisation und der Privatwirtschaft Antworten zu finden.

Mehr Arbeitsplätze und mehr leistbaren Wohnraum

Sinnvolle Integrationsmaßnahmen können nur entwickelt werden, wenn die Ausgangslage bekannt ist. Einen Überblick verschaffte zu Beginn des Forums Bernhard Felderer, Präsident des Fiskalrates, und präsentierte zugleich Prognosen für den Arbeits- und Wohnungsmarkt. Felderer wies – genauso wie Dorothea Stepan vom Department für Migration und Globalisierung der Donau-Uni-Krems – auf die demografischen Unterschiede der AsylwerberInnen und anerkannten Flüchtlinge hin: Es sind mehr Männer als Frauen, der größte Teil fällt in die Altersgruppe zwischen 18 und 34 Jahren. „Das ist positiv, weil junge Menschen eine hohe Lernkurve aufweisen“, sagte Felderer. „Der ökonomische Wert einer Arbeitskraft ist stark vom Alter abhängig.“ Zugleich wies er auf hohe Unterschiede im Bildungsniveau und auf den generell angespannten Arbeitsmarkt in Österreich hin – beides stelle eine große Herausforderung für integrative Maßnahmen dar.

Dasselbe gilt für den Wohnungsmarkt: In Österreich gibt es zurzeit zwischen 40.000 und 45.000 verfügbare Leerstände, pro Jahr werden rund 45.000 neue Wohneinheiten errichtet.  „Durch die Flüchtlingsströme werden bis 2020 zusätzlich 150.000 Wohnungen benötigt“, sagte Felderer. Das bedeute, dass das Bauvolumen über die nächsten drei Jahre verdoppelt werden müsse, um den Wohnungsbedarf zu decken. Dass es vor allem leistbaren Wohnraum brauche – nicht nur für die Ankommenden, sondern auch für die Aufnahmegesellschaft –, darüber waren sich alle Teilnehmer des Forums einig. Abschließend nannte Bernhard Felderer den Schätzwert von 2 Milliarden Euro, die im Jahr 2016 zusätzlich für die Versorgung der AsylwerberInnen anfallen würden.

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Niedrigere Standards für Sozialen Wohnbau

Christian Struber, Geschäftsführer von Salzburg Wohnbau, und Holzbaumeister Walter Meiberger regten an, in manchen Fällen das Bauordnungsgesetz, sowie die Standards für den Sozialen Wohnbau zu überdenken. „Die Standards sind sehr hoch, würde man diese in manchen Bereichen senken, würde man auch erhebliche Kosten senken können“, so Meiberger. Wie es möglich ist, schnell leistbaren und qualitativ hochwertigen Wohnraum zu schaffen, führte der Baumeister gemeinsam mit der Geschäftsführerin des Roten Kreuzes Salzburg, Sabine Kornberger-Scheuch, an einem realen Beispiel vor. Kornberger-Scheuch betreut rund 500 AsylwerberInnen und ist somit die größte private Betreiberin von Asylwerberunterkünften in Österreich.

Holzhäuser statt Container

Aus dem Auftrag des Landes Salzburg an das Rote Kreuz, ein Konzept für Containerdörfer zu erstellen, entstand die Idee, anstelle der Container, Holzfertigteilhäuser einzusetzen. Im Konzept, das gemeinsam mit dem Salzburger Holzbau-Unternehmen Meiberger entwickelte wurde, spielt die Integration der Menschen eine zentrale Rolle. „Jedes Haus ist so geplant, dass sich die Bewohner selbst versorgen können. Zudem sind sie für ihre Unterkunft selbst verantwortlich“, sagte Kornberger-Scheuch. „Wir erheben die Berufe und Ausbildungen der Asylwerbenden, so können wir sie entsprechend ihrer Qualifikation in den Holzhäusern einsetzen.“

Das Rote Kreuz betreut die Bewohner rund um die Uhr und vertritt sie nach außen. Das Kriseninterventionsteam unterstützt die psychosoziale Betreuung der Asylwerbenden, zudem werden Deutschkurse und ein Freizeitprogramm angeboten. „Außerdem bieten wir Veranstaltungen an, bei denen die Asylwerbenden Informationen über den österreichischen Staat, das Rechtssystem oder Kultur und Brauchtum erhalten. Für den kulturellen Austausch steht der Gemeinschaftsraum in den Holzhäusern auch Besuchern von außen offen“, so Kornberger-Scheuch.

Niedrige Kosten, hohe Nachfrage

Die zwei- oder dreigeschossigen Holzhäuser für 16 bis 44 Bewohner können zerlegt und wiederaufgebaut werden. Somit ist auch eine Weiterverwendung, etwa in Katastrophenfälle, möglich. „Die Bauteile sind so konstruiert, dass sie auch in einen Container verladen und transportiert werden können“, erklärte Baumeister Meiberger. Die Nachfrage sei hoch – die Holzhäuser würden nicht nur in Österreich, sondern mittlerweile auch nach Deutschland verkauft werden. Ein dreigeschossiges Objekt mit elf Wohneinheiten für insgesamt 44 Menschen kostet rund 450.000 Euro. Hinzu kommen die Kosten für die Einrichtung, die Außenanlagen und die Erschließung des Grundstücks. Refinanziert werden die Holzhäuser über den Tagessatz für Asylwerber aus der Grundversorgung.

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Leben in der Gemeinde

Wie das Zusammenleben in den ländlichen Regionen und die Integration von Asylwerbenden in die Dorfgemeinschaft funktioniert, schilderte Bürgermeister Johannes Pressl aus Ardagger in Niederösterreich. 33 Asylwerber leben seit August 2015 in der Gemeinde nahe Amstetten, von Beginn an gab es viele engagierte Helfer und Helferinnen vor Ort, dennoch zieht Bürgermeister Pressl nach einem Jahr ein ernüchterndes Resümee: Die Stimmungslage sei sehr emotional, in der Bevölkerung gebe es nach wie vor große Vorbehalte und auch die Hilfsbereitschaft der Ardagger lasse langsam nach. Ein Hauptgrund dafür sei, dass viele Flüchtlinge, sobald sie den Asylbescheid erhalten haben, vom Land in die Städte ziehen. Und somit alle Anstrengungen der Dorfgemeinschaft ins Leere gehen würden.

Sozialleistungen an Wohnort koppeln

Pressl ist davon überzeugt, dass integrative Maßnahmen in vielen Fällen am Land besser greifen würden als in der Stadt. Um der Abwanderung entgegenzuwirken, schlägt er vor, Sozialleistungen, wie etwa die Mindestsicherung, an einen bestimmten Wohnort zu koppeln. Eine Überzeugung, die alle Teilnehmer des Forums teilen: Integration erfolgt – neben der Bildung – vor allem über den Arbeitsplatz. „Das würde nicht nur den Asylwerbern helfen. Wenn die Menschen arbeiten, führt das auch zu einer größeren Akzeptanz in der Bevölkerung“, sagte Pressl. Aber: „Die Politik will keine Öffnung des Arbeitsmarktes für Asylwerber“, so Felderer. Zum einen, weil dadurch weitere Anreize geschaffen werden würden. Pressl denke an keine Öffnung des Marktes, sondern an alternative Arbeitsmodelle: Praktika bei der Gemeinde oder öffentlichen Dienstgebern, für Asylberechtigte mit Mindestsicherung auch bei privaten. Die Nichterfüllung der Praktika soll laut Pressl sanktioniert werden: „Ohne Druck geht es nicht.“

Regionale Bündelung bei der Finanzierung von Projekten

Den Abschluss des Forums bildete der Impulsvortrag von Michael Raith, Senior Projekt Manager für Soziale Infrastruktur bei der Kommunalkredit. Raith stellte Finanzierungsmodelle vor und zeigte auf, wie durch Kooperation von öffentlicher Hand  privaten Anbietern, sowie durch regionale Bündelung Projekte realisiert werden können. Bei  regionalen Bündelungen und Kooperationen sei es möglich, Kosten und Risiken zu senken, sowie die Effizienz zu steigern – weil sich jeder der Partner auf seine Stärken konzentrieren könne.


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