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HABEN SIE FRAGEN ZU ÖSTERREICHS GEMEINDEN?

Ein Plädoyer fürs Miteinander

21.7.2016 – „In den letzten paar tausend Jahren hat sich herausgestellt, dass Kooperation und Zusammenarbeit immer bessere Ergebnisse bringt als alleiniges Handeln.“ Der frühere EU-Kommissar Franz Fischler zeigte bei den Kommunalen Sommergesprächen eine neue Sichtweise auf das Thema Kooperationen.

Unter dem Motto „Z’sammarbeiten, z’sammhalten, z’sammreden“ haben heute, Mittwoch, die 11. Kommunalen Sommergespräche in Bad Aussee begonnen. Es geht um neue Formen der Zusammenarbeit, dort, wo die klassischen Instrumente wie Verbände nicht flexibel genug sind. „Wir haben Herausforderungen in der Kinderbetreuung, der Altenpflege, der Flüchtlingsbetreuung, im Breitband-Ausbau“, sagt Helmut Mödlhammer. „In diesen Bereichen ist rasches und flexibles Handeln die wichtigste Eigenschaft einer guten Zusammenarbeit. Da sind viele Dinge nicht planbar, verändern sich ständig. Da brauchen wir neue Instrumente, wie Gemeinden zusammen diese Aufgaben bewältigen können.“

Darüber wollen Mödlhammer und Kommunalkredit-Chef Alois Steinbichler in den kommenden Tagen mit rund 200 Bürgermeister/innen diskutieren. Den Auftakt macht der Vortrag von Franz Fischler, ehemaliger EU-Kommissar und Präsident des Forums Alpbach. „Mit ihm haben wir in den letzten Monaten auch Bürgermeisterkonferenzen zum Flüchtlingsthema gemacht, bei denen  Gemeindevertreter sich darüber ausgetauscht haben, wie man mit dieser Herkules-Aufgabe umgehen kann“, erzählt Mödlhammer.

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©event.fotograf.at
Fischler: „Jene, die gut kooperieren, sind am Ende überlegen.“

Durch Kooperation überlegen

Bei den Sommergesprächen hingegen widmet sich Fischler den Problemen, die die „Individualismusfalle“ mit sich bringt. „Ich gehe davon aus, dass ihr als Bürgermeister sehr viel darüber wisst, wie das Zusammenleben in einer Gemeinde funktioniert“, so Fischler. „Wir leben in einem Land, das vermutlich die höchste Dichte an Vereinen in Europa oder sogar weltweit hat. Trotzdem gibt es Bereiche und Formen des Zusammenlebens, in denen wir diese Strukturen auch wieder mit Menschlichkeit, Freude und Zusammenhalt füllen müssen.“

Die Kooperation sei eine evolutionäre Entwicklung. „In den letzten paar tausend Jahren hat sich herausgestellt, dass Kooperation und Zusammenarbeit immer bessere Ergebnisse bringt als alleiniges Handeln. Auch wenn Kooperation ein hohes Maß an Organisation und Empathie für den anderen erfordert. Dazu braucht es auch Selbstdisziplin, um getroffene Vereinbarungen zu halten. Kooperation ist aber auch evolutionär ein sehr, sehr langwieriger Prozess. Dafür braucht man oft einen langen Atem. Der Erfolg und das Wesen einer Kooperation ist aber sehr oft eben auch, dass 1 und 1 auch mehr als 2 ergeben kann.“

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©event.fotograf.at
So viele Kommunalpolitiker/innen wie noch nie wurden vom Thema „Kooperationen“ zu den Kommunalen Sommergesprächen nach Bad Aussee gelockt.

Kommunikation nicht mit Information verwechseln

Das Gift für die Zusammenarbeit sei der Populismus, der einfache Lösungen vorgaukle. Die Brexit-Entwicklung habe auch gezeigt, dass diese Leute die Menschen sehr bewusst anlügen und das nachher zum Teil ja auch zugeben. „Und auch beim Brexit war es so, dass die politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Eliten weitgehend für den Verbleib in der EU waren. Es ist aber nicht gelungen, dass so zur Bevölkerung durchzutragen. Die Frage ist also, wie die Eliten mit der Bevölkerung künftig kommunizieren wollen. Man darf Kommunikation nicht mit Information verwechseln. Kommunikation ist ein beidseitiger Prozess, sie muss von beiden Seiten gewollt sein, Information ist nur ein Teil davon. Es bringt ja nichts, wenn man Menschen Informationen zur Verfügung stellt, diese Menschen aber gar kein Interesse daran haben, Informationen aufzunehmen. Ein einseitiger Dialog ist keiner, es ist wichtig, dass die Eliten das begreifen, wenn sie den Menschen komplexe Zusammenhänge erklären wollen.“

Neue Wege der Kommunikation finden

Kommunikation, so Fischler, bedeute auch, dass man die Diskussion mit misstrauischen Teilen der Bevölkerung führen müsse. „Wir müssen viel, viel mehr auf die Menschen zugehen, ihnen auch Bühnen bauen, wo sie sich ausdrücken können, auch wenn sie nicht unsere Meinungen haben. Und ihnen ein Gespräch auf Augenhöhe anbieten, damit sie dass sie sich ernstgenommen fühlen. Es gibt in Österreich inzwischen zwei Millionen Menschen, die sich nur noch über Social-Media-Kanäle informieren, die ihre eigenen Meinungen verstärken. Die brauchen keine Zeitungen mehr und auch keinen ORF. Man muss sich einmal durchdenken, was das bedeutet. Die FPÖ interveniert im ORF deshalb nicht mehr, weil sie ihn gar nicht brauchen. Die Freiheitlichen erreichen ihre Zielgruppen inzwischen viel direkter.“

Im Sinne der Subsidiarität müsse man die Gesellschaft von unten nach oben bauen, nicht von oben nach unten regieren. „Man muss erklären können: Dort, wo wir miteinander mehr Nutzen erzielen können, dort müssen wir dieses Potential nutzen, anstatt alleine zur arbeiten. Kooperationen sind ungeheuer wichtig. Es braucht viel mehr Miteinander. Den Nutzen muss man aber auch bewerben und erklären, worin er besteht. Es soll uns nicht überraschen oder müde machen, wenn diese Dinge Zeit brauchen.“

Im Anschluss an seinen Vortrag stellte sich Fischler der Diskussion mit den Bürgermeister/innen. Die „Kommunalen Sommergespräche“ sind eine jährliche Veranstaltung des Österreichischen Gemeindebundes und der Kommunalkredit Austria, sie finden immer im Juli in Bad Aussee statt.




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