“Wir kennen keine Grenze”: Grenzgemeinden fühlen sich benachteiligt

Seit einem Jahr sind Österreichs Grenzen mit mehreren Unterbrechungen quasi zu. Das trifft Pendler und den Tourismus, aber vor allem auch die Gemeinden in den Grenzregionen. Die oberösterreichische Barockstadt Schärding grenzt direkt an Bayern. Die Gemeinde, sowie ihre bayerische Nachbarin leiden stark unter der Grenzsperre.

De-facto-Sperren schaden der Wirtschaft und nutzen der Gesundheit nicht

Der Schärdinger Bürgermeister Franz Angerer betont: “Diese Virusvarianten sind sehr besorgniserregend und unser aller Gesundheit muss selbstverständlich Priorität haben. Unsere Verantwortung ist es, unsere Bürger zu schützen.” De-facto-Sperren der Grenzen brauche es jedoch nicht, ist sich der Ortschef sicher. “Die Verbindung zwischen Bayern und Oberösterreich ist etwas ganz Besonderes, lange Gewachsenes und sehr Freundschaftliches.” Lange Zeit war die Einreise nach Deutschland aufgrund der Gefahr von Virusvarianten vollkommen unmöglich, nun ist sie wieder erlaubt – aber nur beschränkt, mit Quarantäne und Covid-Test. “Das hat große Auswirkungen auf die Wirtschaft”, erzählt Angerer. Die Schärdinger Altstadt lebt zu 40 Prozent von bayerischen Kunden. Auch im Reiseverkehr ist man von Bayern abhängig. “Dabei nutzen die Grenzsperren der Gesundheit aber überhaupt nicht! Wir brauchen Lösungen mit Hausverstand”, kritisiert der Bürgermeister.

Corona brachte die harte Grenze zurück

Doch nicht nur wirtschaftlich belastet die Situation das Gemeindeleben. “Das tut uns auch persönlich weh”, so Angerer. Er verstehe alle Maßnahmen, die Verbindungen zwischen Bayern und dem Innviertel sind historisch gewachsen. Seit 1779 ist Schärding bei Österreich, doch nicht nur in der Mundart sind die Schärdinger den Bayern nahe. “Wir lieben die Bayern, und wir sind stolze Österreicher”, betont der Ortschef schmunzelnd. Durch die Grundfreiheiten der EU habe man noch enger zusammengefunden.

“Wir brauchen kein Europa mit geschlossenen Grenzen! Drent und herent gehört zusammen!” – Bürgermeister Franz Angerer

Wie eng die Bande zwischen Schärding und der bayerischen Gemeinde Neuhaus auf der anderen Seite der Grenze sind, zeigt auch, dass Vereine gemeinsam gegründet werden und die Bürgermeister der beiden Gemeinden auf Veranstaltungen immer Seite an Seite auftreten. “Wenn in Neuhaus ein Volksfest stattfindet, dann ist bei uns alles leer”, erzählt der Schärdinger Ortschef. Nun stehe man vor der Situation, dass Lebenspartner und Familien einander nur beschränkt treffen können. Schüler und Pendler, die täglich über die Grenze pendeln müssen, stehen vor einem erhöhten Aufwand mit notwendigen Reisebestätigungen.

Maßnahmen sollten klar und einfach kommuniziert werden

Angerer wünscht sich eine bessere Abstimmung zwischen den Nachbarstaaten: “Da müssen wir noch deutlich europäischer werden, sonst schwächen wir uns gegenseitig.” Im Schärdinger Rathaus laufen die Telefone heiß: Die unterschiedlichen Maßnahmen in und innerhalb Österreichs, als auch in Deutschland und Bayern sorgen für Verwirrung bei den Bürgerinnen und Bürgern. Der Schärdinger Ortschef ortet die Ursache für die kommunikativen Mängel in parteipolitischen Überlegungen: “Wie Herr Ministerpräsident Markus Söder hier eine ganze Grenzregion benachteiligt, ist völlig inakzeptabel, schadet der Wirtschaft und hilft keineswegs der Gesundheit und ist wahrscheinlich auch dem nahenden Bundeswahlkampf geschuldet, bei dem er seiner Meinung nach eine wichtige Rolle spielen möchte. Diese gefährliche Pandemie ist aber nicht geeignet für parteipolitisches Geplänkel, denn mit Menschenleben darf nicht gespielt werden.”

Jetzt gelte es den Menschen zu helfen und die Wirtschaft zu stärken. “Es muss endlich Schluss sein mit nationalen Alleingängen! Wir brauchen praktikable Lösungen für Wirtschaft, Pendler und Familien auf beiden Seiten”, so der Schärdinger Bürgermeister.

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Eva Schubert

Eva Schubert

Der Bürgermeister von Schärding, Franz Angerer, lehnt Sperren an der Grenze zu Bayern ab. ©Stadtgemeinde Schärding

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