Selbstbedienungs-Greissler: Billa-Box wirbelt Staub auf

Die Ausdünnung von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Infrastruktureinrichtungen im ländlichen Raum hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen und stellt Gemeinden vor immer größere Herausforderungen. In den letzten Jahren setzten sich in zahlreichen Gemeinden innovative Nahversorger-Lösungen durch, die es auch den Bewohnerinnen und Bewohnern kleiner Gemeinden ermöglicht, im Ort einzukaufen.

Hoch im Trend bei den innovativen Nahversorger-Lösungen liegt der Selbstbedienungscontainer, der lokale Betriebe und Höfe bei der Vertreibung ihrer Produkte unterstützt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Mit einem Selbstbedienungscontainer im Ort kann die Nahversorgung an bis zu sieben Tagen in der Woche gesichert werden, denn an der Kassa wird die Bezahlung nicht von Angestellten, sondern von den Kunden selbst abgewickelt.

Kontroverse Billa-Box

Mit Anfang April begann auch der Rewe-Konzern, in Kärnten Billa-Selbstbedienungsboxen aufzustellen. Das Angebot stößt nicht überall auf Begeisterung. Die Kärntner Landwirtschaftskammer etwa ortet eine Gefahr für bäuerliche Direktvermarkter durch die neuen Selbstbedienungsboxen. Nachdem vier solcher Billa-Regionalboxen in Kärntner Gemeinden aufgestellt wurden, appellierte Kammer-Präsident Johann Mößler laut ORF in einem Brief an die Kärntner Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, bäuerlichen Vermarktern den Vorzug zu geben. Die Boxen des Lebensmittelkonzerns würden eine „massive Konkurrenz“ für Landwirte darstellen.

Die steirische Landwirtschaftkammer schließt sich der Kritik der Kärntner Kollegen an.

„Die heimischen Bäuerinnen und Bauern haben während der Corona-Pandemie aus der Not heraus – um die Bevölkerung sicher und kontaktlos mit regionalen Lebensmitteln zu versorgen – die kleinen Selbstbedienungsläden erfunden. Es ist nicht einzusehen, dass diese Innovation und dieses mittlerweile sehr beliebte Nahversorgungsmodell von potenten Handelskonzernen kopiert und damit letztlich gefährdet wird.“ – Präsident LK Steiermark, Franz Titschenbacher.

Große Unsicherheit besteht auch darin, ob die bäuerlichen Direktvermarkter in solchen Handelsketten-Läden überhaupt dauerhaft gelistet bleiben.

Käsomat versorgt mit regionalen Milchprodukten

Ein schönes Beispiel für automatisierten Ab-Hof-Verkauf findet sich im Salzburger Ennspongau. Dass es nicht unbedingt einen ganzen Containerbraucht, zeigt ein Automat in der Ortschaft Reitdorf: Der „Käsaomat“ bietet frischen, regionalen Käse rund um die Uhr an. Betreiber ist der Landwirt und Gemeinderat Johannes Lackner. Mit dem Käsomat erfreut er nicht nur die Anrainer. Von einer Wanderung durch das idyllische Reitdorf (Gemeinde Flachau) kann man dank dem Käsomat schonmal mit einem Sackerl voll Bergkäse heimkehren.

Vinothek im Container

2019 führte auch der Tattendorfer Bürgermeister Alfred Reinisch in seiner niederösterreichischen Gemeinden einen Selbstbedienungscontainer ein. Besonders froh, diese Infrastruktur bereits im Ort zu haben, war der Chef des Weinortes (und selbst Weinbauer), als während der Coronakrise der Umsatz der ansässigen Winzerinnen und Winzer stark eingebrochen ist.

Tattendorf kam in dieser Situation der unbesetzte Nahversorger-Container zur Rettung. „Der Container hat 24/7 geöffnet und ist jetzt eine Art Vinothek. Auch Bio-Produkte aus der Region gibt es dort zu holen, und der Container kommt bei der Bevölkerung sehr gut an. Wir wollen den weiterhin beibehalten“, freut sich der Bürgermeister über durchwegs positives Feedback. Das Projekt sprach sich auch in der Region schnell herum, mehrere umliegende Gemeinden kamen auf Reinisch zu, um sich was von der Idee abzuschauen.

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Emina Ayaz

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