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Nach Corona: Die Zukunft von Stadt und Land

Die globale Pandemie namens Corona beendet die Phase der hyperschnellen Globalisierung. Die bisherige globale Vernetzung hat uns anfälliger für Krisen gemacht. Nach der Krise spricht einiges für eine neue Epoche: Die Ära der nachhaltigen Glokalisierung als Antwort auf eine steigende Nachfrage nach Heimat und Nachbarschaft.

Österreichs Kraft liegt in seiner Dezentralität. Drei Viertel der Österreicherinnen und Österreicher leben in den ländlichen Regionen. Auch die Mehrheit der Unternehmen ist nicht in den großen Städten und Ballungsgebieten zuhause. Während sich die großen Städte als Gewinner der Globalisierung sahen, fühlten sich die Einwohner in den ländlichen Regionen oft als die Verlierer des wirtschaftlichen Wandels. Bis Covid-19 kam. Seitdem hat sich auch das Verhältnis von Stadt und Land radikal verändert.

Die Krise der großen Städte

Die Corona-Pandemie wurde deshalb auch zur Krise der großen Städte und Ballungsgebiete, die anfälliger und nervöser sind als der ländliche Raum. Geschlossene Restaurants, Fitnessstudios, Kinos und Clubs – das Leben in den Metropolen war auf einmal gefährlich öde. Insbesondere Megacitys wie New York, Singapur und London waren mit der Coronawelle schnell überfordert. Auf dem Dorf oder in der Kleinstadt ist das soziale Abstandhalten leichter als in der Großstadt. Nachbarschaftshilfen, die sich in den großen Städten erst digital und per Telefon bilden müssen, sind auf dem Land Alltag. Landluft macht virenfreier. Die Corona-Krise ist daher auch Treiber einer neuen Stadtflucht – zumal immer mehr Regionen schon vor der Krise auf einen lokalen Versorgungspatriotismus setzten.

Vor Corona galt folgendes Gesetz im Verhältnis zwischen Stadt und Land: Während Städte wie Wien, Graz, Innsbruck, Linz und Salzburg wachsen, schrumpft die ländliche Bevölkerung. Abwanderung, Alterung und das Gefühl des Abgehängtseins wurden mit dem Land, Fortschritt und Innovation mit der Stadt in Verbindung gebracht. Der technologische Fortschritt, Digitalisierung und Automatisierung, kann die Kluft zwischen boomenden Städten und Regionen und schrumpfenden und abgehängten Gegenden beschleunigen, er kann sie aber auch reduzieren. Die Corona-Pandemie hat gezeigt: Wenn sich alles auf die großen Städte konzentriert, brechen diese irgendwann zusammen. Zum Gewinner der Entwicklung wird die progressive Provinz, die beide Welten verbindet: die urbane, weltoffene und die lokale, verbundene Welt. In den Kommunen löst sich der Stadt-Land-Gegensatz auf. Die Corona-Krise wird zum Beschleuniger der Megatrends Globalisierung, Digitalisierung und Demografie und des mit ihnen verbundenen mentalen und sozialen Wandels.

Aus Globalisierung wird Glokalisierung

Die Corona-Pandemie beschleunigt den Trend zur Glokalisierung: Globalität und Lokalität verbinden sich zu einem neuen Dritten. Nach der Krise wird das lokal und kommunal Überschaubare wieder gefragt sein. Viele Österreicher haben während der Corona-Zeit die heimische Landwirtschaft wieder schätzen gelernt. “Kauf lokal, das geht auch digital” hieß eine Kampagne der Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. Das neue Leitbild heißt “ökosoziale Marktwirtschaft”. Regionale Produktion ist gut für die Umwelt und schafft vor Ort sichere Arbeitsplätze. Die großen Herausforderungen wie der Klimawandel, Mobilität und der gesellschaftliche Zusammenhalt können nur vor Ort in den Kommunen gelöst werden. Es geht um Investitionen in Busse, Bahnen, Schienen und Radwege und neue Formen der Mobilität, der Landwirtschaft und des Tourismus. “Bio-Dörfer” ziehen gestresste Städter und ihre Familien an. Verbraucher und Konsumenten fragen zunehmend nach Qualität, Herkunft und Art der Produktion.

Aus Digitalisierung wird Vernetzung

Vielen ländlichen Regionen mangelt es an einer schnellen Internetverbindung. Homeoffice und Unterricht daheim waren in der Corona-Zeit für viele auf dem Land nur schwer möglich. Bis 2025 muss die Schließung der “digitalen Kluft” zwischen Stadt und Land gelingen. rbeit wird multi-mobil und multi-lokal. Während der Corona-Wochen haben viele Österreicher von Zuhause aus gearbeitet. Lange Wegzeiten und weites Pendeln können bald zur neuen Normalität werden und auch die Umwelt entlasten. Die zunehmende Digitalisierung ermöglicht dezentrale Strukturen von Arbeit, Wirtschaft und Verwaltung. Das schnelle Internet wird Startups auch auf dem Land in Zukunft möglich machen.

Aus Demografie wird Gesundheitsschutz für alle

Corona hat uns allen den Gesundheitsschutz einer alternden Bevölkerung verdeutlicht. Telemedizin und “Mobile Health” haben den Kontakt zwischen Ärzten und Patienten aufrechterhalten. Patienten werden auch in Zukunft am Telefon oder online behandelt. Gesundheitsregionen entlasten nicht nur die großen Städte, sondern stehen für einen Trend der ganzheitlichen Gesundheit.

Die neue Landlust

Die Gewinner nach Corona sind künftig jene Regionen, Kleinstädte und Dörfer, die den Wandel offensiv angehen und optimistisch gestalten. Lebensqualität, Bildung und bürgerschaftliches Engagement sind die neuen Standortfaktoren. Die Corona-Krise kann zu einer Aufwertung des Landes führen. Der ländliche Raum ist mehr als Landwirtschaft und “Restraum”. Er ist auch Wirtschafts-, Kultur- und Industrieraum. Und damit Zukunftsraum für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Kluft zwischen Stadt und Land wird sich zunehmend auflösen.

Das Land wird wieder als gleichwertiger Lebensraum wahrgenommen. Stadt und Land ergänzen sich und brauchen sich wechselseitig. Nach der Krise werden die Gemeinden Österreichs glokaler, bürgernäher und innovativer. Die Kommunen und ihre Bürgermeister werden zu den entscheidenden Akteuren für die Zeit nach Corona.

Zum Autor

Dr. Daniel Dettling ist Zukunftsforscher, gefragter Keynoter und berät Institutionen und Unternehmen. Er leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik. Sein neues Buch erscheint im Mai: “Zukunftsintelligenz statt Zukunftsangst. Nach Corona: Was wird aus Arbeit, Gesundheit und Demokratie?” (LangenMüller).




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