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Dann lasst sie in Frieden sterben, die Gemeinde!

27.7.2015 – Was braucht die Gemeinde im ländlichen Raum, damit sie in Zeiten zunehmender Verstädterung überhaupt eine Überlebenschance hat? Diese zentrale Frage stand im Zentrum des gut besuchten Forums 2 zum Thema „Standortsicherung & Infrastruktur“. Unter Leitung von KURIER-Redakteur Matthias Hofer diskutierten die Teilnehmer mit dem Vorarlberger Regionalexperten DI Dr. Gerald Mathis vom Institut für Standort-, Regional- und Kommunalentwicklung. Und dessen sechs „Postulate zur Sicherung und Entwicklung des ländlichen Raums“ hatten es wahrlich in sich.

Mathis: „Das Leben auf dem Land ist keinesfalls die zweite Wahl“

Mathis' zentraler Ansatz: Ohne Arbeitsplätze oder Jobs in einer zumutbaren Entfernung zum Wohnort, haben Gemeinden im ländlichen Raum seiner Einschätzung nach kaum Überlebenschancen. „Wenn es in einer Region keine Arbeitsplätze in zumutbarer, in auspendelqualitativer Entfernung gibt, so kommt es zwangsläufig zu einer negativen Bevölkerungsentwicklung“, sagte Mathis. Und es sei keinesfalls so, dass sich Menschen von vornherein bewusst gegen den ländlichen Raum als Wohnort entscheiden. „Für viele Menschen ist das Leben auf dem Land keinesfalls die zweite Wahl, sondern sie ziehen es entschieden dem urbanen Raum vor. Tatsächlich hat mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung ihren Lebensmittelpunkt in einer Gemeinde im ländlichen Raum.“

Mathis' These: Menschen wollen den ländlichen Raum nicht verlassen, sondern werden dazu gezwungen. „Die Menschen wollen dort Arbeit finden, wo sie auch ihren Lebensmittelpunkt haben, wo sie wohnen.“ Und dennoch müssten derzeit knapp zwei Millionen Menschen in Österreich täglich in die Ballungsräume einpendeln. „Wenn Arbeitsplätze nicht mehr in einer zumutbaren Entfernung zu finden sind und damit auch die Daseinsvorsorge der Menschen nicht mehr gesichert ist, wird auch der schönste Wohnort zum Wochenenddomizil. Ein schleichender Niedergang ist so gut wie sicher“, war der Vorarlberger überzeugt. Aber er ging noch weiter: Es sei zwingend notwendig, auch im ländlichen Raum aktive Maßnahmen zu Wirtschaftsentwicklung zu setzen – ähnlich jenen, die im urbanen Raum Platz greifen. Wenn dies in einzelnen Regionen nicht gelinge, so Mathis, müssten diese Regionen eben von der öffentlichen Hand aufgegeben werden. Mathis zitierte den Koordinator der Österreichischen Raumordnungskonferenz, Heinz Fassmann: „Wenn dies nicht gelingt, dann darf man das Schrumpfen von ländlichen Regionen nicht länger bekämpfen“. Insbesondere diese Haltung rief im Publikum heftige Diskussionen hervor.

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©event-fotograf/Gemeindebund

„Landwirtschaft kein Motor, sondern Problem“

Ebenso wie Mathis These, die Landwirtschaft sei kein Motor mehr für den ländlichen Raum, sondern „das grundsätzliche Problem. Sie schafft keine weiteren Arbeitsplätze und die Landwirtschaft beschäftigt nur noch 1,5 bis 2 Prozent der Menschen“. Damit werde man den ländlichen Raum nicht nachhaltig weiterentwickeln können. „Wir laufen so Gefahr am Ende nur noch riesige landwirtschaftliche Museumslandschaften zu fördern.“

Mathis weitere Grundvoraussetzungen für ein Überleben von ländlichen Gemeinden: eine gute Verkehrsinfrastruktur, gut funktionierende Breitbandtechnologie und leistbarer Wohnraum. Neue Formen der interkommunalen Zusammenarbeit könnten das Überleben ebenso sichern, wie merkbare Bemühungen, eine Verbesserung „von innen heraus“ zu erreichen. „Der Wunsch nach besseren Strukturen muss aus der Bevölkerung kommen, sie muss das Ganze tragen.“

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Thomas Hofer vom Kurier leitete Forum 2.

Mödlhammer: „Sicht von außen wichtig“

Gemeindebund-Präsident Helmut Mödlhammer, ebenfalls Forumsteilnehmer, gab allerdings zu bedenken, dass oft gerade die „Sicht von außen“ dabei hilfreich sein kann, die Probleme in einer Gemeinde oder Region zu erkennen. „Es braucht den Blick von außen, um eine Entwicklung anzustoßen“, so Mödlhammer. „Die Umsetzung muss dann aber von innen passieren.“

Die Breitbandtechnologie und die Versorgung mit leistungsstarkem Internet bezeichnete Mathis als zentralen Standortfaktor unserer Zeit. Rasch entspann sich eine Diskussion, warum es gerade die öffentliche Hand sein müsse, die die erforderliche Infrastruktur bereitstellt. Viel mehr sei die mangelnde Bereitschaft der Telekommunikationsunternehmen, ihre Netze auch in weniger ertragreichen Gegenden auszubauen, anzuprangern.

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Zahlreiche Teilnehmer folgten den Praxiserfahrungen von DI Dr. Gerald Mathis und Huub van Ettekoven aus den Niederlanden.

Breitband in genossenschaftlicher Zusammenarbeit

Mit dem niederländischen Breitbandfachmann Huub van Ettekoven, dem Gründer von OpenNet Europe, wurde dieses Thema eingehender diskutiert. Sein Unternehmen verfolgt den Ansatz, Gemeinden könnten Glasfaser-Netze ja auch in genossenschaftlicher Zusammenarbeit erreichten. „Die Internet-Nutzer werden so zu Netzeigentümern“, erklärte van Ettekoven seinen Zuhörern. Das OpenNet-Modell sieht unter anderem vor, dass Privat- und Firmenkunden eine virtuelle Einkaufsgemeinschaft für Breitbanddienste bilden. Anbieter von Internet-Services könnten sich in ein genossenschaftlich errichtetes Netz einmieten und dort ihre Dienste Anbieten. Das Netz selbst finanzieren, die Nutzer mit ihrer Einzahlung in die Genossenschaft. „Unsere Erfahrung zeigt, dass das mit rund 1.500 Euro pro Nutzer realisierbar ist“, so van Ettekoven. Und wenn auch nicht alle Forumsteilnehmer sich mit dem Modell des Niederländers anfreunden konnten, sorgte sein Beitrag doch für eine andere Sicht auf das Thema Breitbandausbau.

Forum 2 – Standortsicherung & Infrastruktur ©event-fotograf/Gemeindebund