Während viele Gemeinden derzeit an ihren Budgets für 2026 feilen, ist der Spielraum gering. Der neue Stabilitätspakt fordert Disziplin, gleichzeitig nehmen Extremwetterereignisse zu – und mit ihnen der Druck, in Klimaanpassung und Sicherheit zu investieren. Ein Dilemma? Nicht zwingend. Aktuelle Forschungsergebnisse aus Österreich zeigen: Wer die Bevölkerung nicht nur informiert, sondern aktiv einbindet, erschließt Ressourcen, die kein Geld kosten.
Technik ist nicht alles
Wenn in den Amtsstuben von „Resilienz“ oder „Klimawandelanpassung“ die Rede ist, denken wir meist zuerst an Hardware: Hochwasserrückhaltebecken, Kanalvergrößerungen, neue Einsatzfahrzeuge. Das Problem dabei: Diese Maßnahmen sind teuer, genehmigungsintensiv und belasten unsere ohnehin strapazierten Gemeindehaushalte.
Als Bauamtsleiter kenne ich den Reflex, Sicherheit primär durch technische Verbauung herstellen zu wollen. In meiner aktuellen Masterarbeit zeigt sich ein anderer Weg – der sogenannte „Whole-Community-Ansatz“.
Die unterschätzte Ressource: Zivilgesellschaft
Die Untersuchung basiert auf einer quantitativen Online-Befragung von 172 österreichischen Gemeinden. Statt Einzelfallbeispielen liefert sie belastbare Zahlen. Das zentrale Ergebnis: Gemeinden, die zivilgesellschaftliche Akteur*innen aktiv einbinden, nehmen ihre personellen und materiellen Ressourcen deutlich höher wahr.
Vereinfacht gesagt: Gemeinden, die Vereine, Hilfsorganisationen und Bürger*innen systematisch in Vorsorge und Krisenmanagement einbinden, erweitern ihren personellen und materiellen Handlungsspielraum. Zivilgesellschaftliche Netzwerke wirken somit als Ressourcenmultiplikator, der die formale Verwaltung ergänzt – ohne zusätzliche Budgetmittel.
„In jedem Sportverein, in jeder Landjugend und in jedem Siedlerverein stecken Logistik, Manpower und lokales Wissen“
Das liegt daran, dass wir oft auf einem Schatz sitzen, den wir nicht heben. In jedem Sportverein, in jeder Landjugend und in jedem Siedlerverein stecken Logistik, Manpower und lokales Wissen. Wenn wir diese Gruppen erst im Ernstfall rufen, sind sie „Betroffene“. Binden wir sie aber schon in die Planung ein, werden sie zu „Ressourcen“ und damit Teil der Lösung.
Schneller handeln durch „Social Engineering“
Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft den Faktor Zeit. Gemeinden mit regelmäßiger Bürgerbeteiligung schätzen ihre Reaktionsfähigkeit in Krisen signifikant höher ein.
„Eine „trainierte“ Bevölkerung ist die schnellste Einsatztruppe, die eine Gemeinde haben kann.“
Das leuchtet ein: Ein technischer Hochwasserschutz hat eine Kapazitätsgrenze. Wenn diese überschritten ist, zählt nur noch, wie schnell die Nachbarschaftshilfe funktioniert, bevor die Blaulichtorganisationen eintreffen. Eine „trainierte“ Bevölkerung ist die schnellste Einsatztruppe, die eine Gemeinde haben kann.
Weg von der „Vollkasko-Mentalität“
In Österreich verharren wir oft noch auf den untersten Stufen der Partizipation: Wir informieren in einem Amtsblatt bzw. in einer Gemeindezeitung und wir konsultieren in Bürgerversammlungen. Echte Ko-Produktion, wie sie der Whole-Community-Ansatz empfiehlt, bleibt die Ausnahme. Das fördert eine gefährliche „Vollkasko-Mentalität“: Die Bürger zahlen Steuern und erwarten, dass die Gemeinde das Wasser fernhält.
„Die Gemeinde kann nicht jedes Risiko ausschließen. Aber sie kann befähigen, sich selbst zu schützen.“
Um die Gemeindekasse zu entlasten, müssen wir dieses Mindset ändern. Ehrliche Kommunikation ist gefragt. Die Botschaft muss lauten: „Die Gemeinde kann nicht jedes Risiko technisch ausschließen. Aber wir können euch befähigen, euch selbst zu schützen.“ Ein schöner Nebeneffekt: In Zeiten gesellschaftlicher Spaltung und meinungspolitischer Auseinandersetzungen tritt auch das Miteinander und der Zusammenhalt stärker in den Vordergrund – was sich gerade in Krisen bewährt macht.
Drei konkrete, kostenneutrale Tipps für die Praxis:
- Das „Ressourcen-Radar“ aktivieren:
Statt teure externe Berater für Risikoanalysen zu engagieren, laden Sie einmal im Jahr die Obleute der lokalen Vereine (nicht nur die Feuerwehr!) zu einem „Sicherheits-Stammtisch“. Die Leitfrage: „Wenn morgen der Strom für drei Tage ausfällt – was könnte euer Verein beisteuern?“ (z.B. Gulaschkanone des Sportvereins, Räumlichkeiten der Pfarre). - Bestehende Förderprogramme „sozial“ nutzen:
Wenn Sie über KLAR! oder „klimafitte Gemeinde“ Förderungen abholen, nutzen Sie diese nicht nur für bauliche Maßnahmen. Ein Workshop zur Eigenvorsorge im Siedlungsgebiet kostet fast nichts, baut aber Vertrauen auf. - Digitalisierung als Dialog begreifen:
Nutzen Sie Apps wie „Gem2Go“ oder WhatsApp-Kanäle nicht nur für Einbahnstraßen-Kommunikation. Fragen Sie aktiv Wissen ab: „Wo stand das Wasser 2002 in eurer Straße?“ Das macht Bürger zu Experten und entlastet die Verwaltung.
FAZIT
- Resilienz ist keine Frage des Budgets, sondern der Haltung. In Zeiten knapper Kassen ist der „Whole-Community-Ansatz“ kein wohlgemeintes philosophisches Extra, sondern eine ökonomische Notwendigkeit. Das baut nicht nur Resilienz auf, sondern stärkt auch den Zusammenhalt. Die sicherste Gemeinde ist nicht die mit den höchsten Mauern – sondern jene mit den bestvernetzten Nachbarn.
Maximilian Einzinger
Maximilian Einzinger ist Bauamtsleiter der Gemeinde Neuhofen an der Krems und hat sich in seiner Masterarbeit tiefgehend mit dem „Whole-Community Ansatz“ für Gemeinden befasst.