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Wie die Integration im Kleinen funktioniert

11.2.2016 - Wie kann man Asylwerber in einer Gemeinde integrieren? Weitensfeld zeigt vor, wie es im kleinen Rahmen funktioniert und ist beispielgebend für ein funktionierendes Miteinander. Bürgermeister Franz Sabitzer und Betreiberin Elisabeth Steiner im Interview.

Josef ist seit Jahren Stammgast beim Bärenwirt. Er ist es auch geblieben nachdem Asylanten in das Gasthaus am ersten Platz eingezogen sind. Einige Stammgäste sind seither ausgeblieben, dafür sind andere hinzugekommen. Sie kommen vor allem wegen des guten syrischen Essens, das seit kurzem nebst Kärntner Hausmannskost auf der Karte steht. In der Küche bereitet die Küchenchefin Angelika gemeinsam mit Buhissa aus Syrien das Mittagessen vor. Die junge Frau, einst Anwältin, flüchtete aus ihrer Heimat, und wartet nun, ob ihr Asylantrag positiv bewertet wird. Ihnen zur Seite steht Ayman, ebenfalls ein Syrer. Ihm wurde Asyl gewährt, seither arbeitet er beim Bärenwirt als Koch. Aus dem Extrastüberl hört man im Chor "iiiich geeeehe in die Schule" – Mohamed, Jewad und andere Asylanten lernen Deutsch. Unterstützt werden sie dabei von Gerhard Velisek, einem pensionierten Hauptschullehrer, und zwei weiteren Lehrern, die zweimal in der Woche ehrenamtlich unterrichten.

Hinter der Theke steht Elisabeth Steiner, ehemalige Kärnten-Korrespondentin des "Standard". 2013 hat sie den Bärenwirt von ihren Eltern geerbt. Seit Dezember 2014 bietet sie neben dem Wirtshausbetrieb auch Asylsuchenden ein Dach über dem Kopf und betreut seit kurzem auch die Asylanten im ehemaligen Trogwirt in Zweinitz. Der Bürgermeister der Kärntner 2.000-Einwohner-Gemeinde Weitensfeld, Franz Sabitzer, und die Betreiberin Elisabeth Steiner erzählen im Doppelinterview über den Asylalltag in ihrer Gemeinde und wie das Miteinander der unterschiedlichen Kulturen funktionieren kann.

Bürgermeister und Asylquartierbetreiberin im Interview

Ihre Gemeinde beherbergt seit einem Jahr Asylsuchende. Derzeit sind 35 Menschen untergebracht – 20 beim Bärenwirt, 15 im ehemaligen Trogwirt in Zweinitz. 

Bgm. Sabitzer: Am Anfang gab es sehr viele Kritiker, mittlerweile hat es sich gelegt. Es gibt aber nach wie vor Widerstände aus der Bevölkerung. Ich nehme die Sorgen der Leute im Ort sehr ernst. Man darf das Thema Asyl nicht emotional, sondern nur auf sachlicher Ebene diskutieren. Man muss mit dem Thema Integration offen umgehen, man darf die Menschen nicht im stillen Kämmerlein integrieren.

Steiner: Der Gegenwind zu Beginn war sehr scharf. Ich musste viele Hiebe von allen Seiten einstecken. Jetzt aber überwiegt durchwegs das Positive. Es ist erstaunlich was an Spenden hereingekommen ist und noch immer hereinkommt. Ich befürworte, dass Deutsch-Kurse verpflichtend sind, Integration und Sprachtraining muss von Anfang gegeben sein.

Gibt es dennoch Sorgen in der Bevölkerung?

Bgm. Sabitzer: Natürlich, es ist vor allem die Ungewissheit, ob und wenn ja wie viele noch kommen könnten – das bereitet den Menschen in ganz Kärnten noch immer große Sorgen.

Weitensfeld hat ja die vorgeschriebene gesetzliche Bundesquote von 1.5 Prozent erreicht. 

Bgm. Sabitzer: Wir haben jetzt 35 Asylwerber. Mehr möchte ich nicht. Die vorgeschriebene Quote macht auf alle Fälle Sinn. Nun sind jene Gemeinden gefordert, die noch keine Asylanten haben. Gemeinden, die keine privaten Anbieter haben, lehnen sich oft zurück. Es kann nicht alles die öffentliche Hand machen. Sind in einem kleinen Ort 300 oder mehr untergebracht, dann funktioniert die Integration nicht. Massen kann man nicht integrieren.

Steiner: Große Betreuungseinrichtungen können nicht so arbeiten wie wir hier.

Beim Bärenwirt wohnen Familien und allein reisende Männer. Funktioniert das Zusammenleben untereinander?

Steiner: Das Zusammenleben funktioniert sehr gut. Es gibt eine Hausordnung und ganz klare Regeln, die von allen eingehalten werden müssen. Die Kinder gehen in die Schule oder in den Kindergarten, sie sind dort sehr gut integriert. Wir haben einen Pool an Freiwilligen, zum engeren Kreis zählen zehn Leute. Die Asylwerber sind dankbar wenn sie unentgeltlich im Gasthaus mithelfen können. Sie haben so Kontakt zur Bevölkerung und die Möglichkeit Deutsch zu sprechen.

Bgm. Sabitzer: Ich rede viel mit den Menschen, viele bleiben auf der Straße stehen und reden die Asylwerber an. Einige von Ihnen spielten auch im Fußballverein. Sie hatten einen Spielerpass. Damit sie diesen bekommen konnten, musste ihre Identität nachgeprüft werden. Ich schätze die Arbeit jedes einzelnen Freiwilligen sehr. Es sollen aber nicht nur Ehrenamtliche für diese Arbeit herangezogen werden. Sie sind irgendwann einmal überfordert.

Belasten die Asylsuchenden das Gemeindebudget?

Bgm. Sabitzer: Nein, das ist absolut zu vernachlässigen, maximal im Promillebereich. Wir bezahlen 50 Prozent der Kosten für den Kindergarten.

Und die andere Hälfte?

Steiner: Die finanzieren wir selbst, wir bezahlen diese von den Spenden oder von den Einnahmen unserer Benefizabende, die wir abhalten. Mit diesen Veranstaltungen versuchen wir, die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren.

Wie viel Geld bekommen Sie für die Asylwerber?

Bgm. Sabitzer: Wir beziehen pro gemeldeten Flüchtling Ertragsanteile.

Steiner: Für Unterbringung, Verpflegung und Betreuung sind es 19 Euro pro Flüchtling und Tag. Unsere Asylanten bekommen im Monat 40 Euro Taschengeld.

Gibt es eine Möglichkeit, Asylwerber für Arbeiten in der Gemeinde heranzuziehen?

Bgm. Sabitzer: Nach vier Monaten Dasein darf man sie für Arbeiten in der Gemeinde einsetzen. Sie dürfen aber nicht mehr als 110 Euro verdienen, ansonsten verlieren sie die Grundversorgung. Ein örtlicher Biobauer wollte Kräuter aller Art für Österreichs größten Bio-Kräuterhersteller anbauen lassen und hat beim AMS angefragt, ob er Asylwerber für diese Arbeit beschäftigen darf. Die Antwort lautete nein. Man sollte den Arbeitsmarkt für sie öffnen, damit sie auch in unser System einzahlen können.

Wenn der Antrag auf Asyl positiv ausfällt, wohin gehen sie dann?

Bgm. Sabitzer: Sobald sie einen positiven Bescheid haben, gehen sie von Weitensfeld wieder weg. Die Menschen wissen, dass sie in diesem Ort keine Zukunft haben, dass es keine Arbeit für sie geben wird. Sie gehen in die Ballungszentren.

Steiner: Aber viele von ihnen unterschätzen es, auf eigenen Füße zu stehen. 

Dieser Beitrag wurde von der freien Journalistin Birgit Sacherer verfasst und in der Mitgliederzeitung des Kärntner Gemeindebundes veröffentlicht.


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