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HABEN SIE FRAGEN ZU ÖSTERREICHS GEMEINDEN?

Schikanen von Oben zerstören dörfliche Sozialstrukturen

Es gibt nicht das eine Dorf. Und daher auch nicht die eine Lösung, um strukturschwache Gemeinden wieder zu beleben. Diese Aussage stand am Anfang der Diskussion über die Fragen, ob es ein Comeback des Dorfes gibt, welche Zutaten es dafür braucht und was „Zukunftsdörfer“ von gewöhnlichen unterscheidet. Im Forum zum Thema „Landlust Reloaded“ wiesen die beiden Sprecher Erwin Mohr und Josef Mathis darauf hin, dass jede Gemeinde ihren eigenen Weg in die Zukunft finden muss.

Das Dorf als Creative Hub?

Globalisierung, Urbanisierung, Digitalisierung, Demographischer Wandel – die großen Trends unserer Zeit stellen Herausforderungen für ländliche Regionen dar. Menschen wandern ab, Dorfläden verschwinden, Schulen schließen, Arbeitsplätze gehen verloren. Wie können Dörfer darauf reagieren? „Neben den Megatrends entstehen auch Gegentrends“, sagt Erwin Mohr, Altbürgermeister der Gemeinde Wolfsfurt in Vorarlberg und bis Ende des Vorjahres Mitglied im Präsidium des Ausschusses der Regionen im EU-Parlament. Er spricht von der Sehnsucht nach Überschaubarkeit, einer intakten Umwelt, gesunden Lebensmitteln, nach Ruhe und der heilen Welt. Daraus würden neue Chance entstehen. Das Dorf der Zukunft könnte ein Ort der Heilung sein, eine Bio-Oase, ein Energiedorf oder ein Creative Hub, der Platz für neues Arbeiten schafft und die Kreativwirtschaft in ländliche Regionen lockt. Dafür sei es aber unumgänglich das Breitbandnetz auszubauen. „Grafiker brauchen keine schnellen Straßen, sondern Datenhighways“, so Mohr. Wenn die ländlichen Regionen hier nicht mitziehen, würde die Zweiklassengesellschaft „smart citys versus poor country“ weiter vorangetrieben werden.

Das größte Potenzial von Kommunen, sagt Mohr, seien ihre Bewohner selbst. Strukturschwache Gemeinde hätten zwar kein großes Finanzkapital, dafür aber unbezahlbares Sozialkapitel, und das hieße es zu nutzen und zu fördern. Den Bürgermeistern und Verantwortlichen in den Gemeinden wird dabei eine Schlüsselrolle zuteil. „Sie müssen Moderatoren und Ermöglicher sein, nicht nur deligieren“, sagt Mohr. Schaffen sie es in ihren Kommunen die Bürger zur Eigenverantwortung und Selbstorganisation zu motivieren, hätten sie die beste Chancen, die Herausforderungen zu bewältigen und ein Dorf mit Zukunft zu werden.

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©event-fotograf/Gemeindebund
Kleine Einheiten leben durch das Engagement jedes einzelnen. Wird das durch zum Beispiel noch strengere Regeln für Vereinsfeste erschwert, macht dies das Leben am Lande kaputt, finden viele Diskussionteilnehmer.

Architektur ist keine Geschmackssache

Wie man Bürgerbeteiligung leben kann, veranschaulichte Josef Mathis am Beispiel seines Heimatortes Zwischenwasser in Vorarlberg. 33 Jahre lang war er dort Bürgermeister und hat in dieser Zeit seine Gemeinde zum Musterbeispiel in Sachen nachhaltiger Energienutzung, Bürgerbeteiligung und Baukultur gemacht. „Baukultur ist der Katalysator für zukunftsfähige Dörfer und Impulsgeber für Dorfgemeinschaften“, so Mathis, der auch Obmann des Vereins „Zukunftsorte“ und Vorstandsmitglied von „Landluft“, ein Verein zur Förderung von Baukultur in ländlichen Regionen, ist. Zwischenwasser hat bereits seit Anfang der neunziger Jahre eine solar beheizte Schule, in den darauffolgenden Jahren entstanden eine Vielzahl weiterer Gebäude unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit und Energieeffizient. „Architektur ist keine Geschmackssache“, sagt Mathis. Sie müsse dem Menschen und dem Ort dienen. Die Einwohner von Zwischenwasser waren von Beginn an in die Planungs- und Bauprozesse eingebunden und arbeiteten freiwillig mit. Dadurch wurden nicht nur Ressourcen gespart, sondern auch das soziale Gefüge im Ort gestärkt. „Baukultur ist nicht nur das architektonische Highlight“, so Mathis. „Es ist der Prozess in dem die gebaute Umwelt hohe und höchste Qualität erreicht.“

Gegen Ende der Diskussion wurde nochmals das Thema der ehrenamtlichen Arbeit aufgegriffen. Die Teilnehmer waren sich einig darüber, dass die ländliche Regionen nur durch ein gutes Sozialgefüge, durch die Freiwilligen- und Vereinskultur überlebensfähig sind. Es gab Kritik am bestehenden Vereinsgesetz, die Diskutanten forderten bessere Rahmenbedingungen und weniger Auflagen für ehrenamtliche Arbeit. Auch die aktuelle Diskussion darüber, dass die so genannte „3-Tages-Regel“, die Erlaubnis für Vereine also drei Tage im Jahr gewerberechtlich aktiv zu sein, auf zwei Tage zu kürzen, stieß auf großen Widerstand. Verlieren wir die sozialen Zusammenhänge, so die Teilnehmer, sei das eine Bankrotterklärung für die ländliche Region.

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©event-fotograf/Gemeindebund
Die Forumsteilsnehmer brachten viele Vorschläge, wie die Gesetzesflut eingedämmt werden könne.



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