Inhalt anzeigen
Über uns Symbol

HABEN SIE FRAGEN ZU ÖSTERREICHS GEMEINDEN?

Eine wichtige Investition für geringe Sozialkosten

3.10.2017 – SOS-Kinderdörfer helfen Familien nicht erst, wenn sie auseinanderbrechen. Damit können nicht nur familiäre Krisen aufgefangen, sondern auch Sozialkosten so gering wie möglich gehalten werden, denn jedes Kind, das es später schafft, eigenständig zu leben, muss nicht vom Staat erhalten werden.

Das Motto des gemeinnützigen Vereins: "Jedem Kind ein liebesvolles Zuhause" ©Gemeindebund
Das Motto des gemeinnützigen Vereins: „Jedem Kind ein liebesvolles Zuhause“ ©Gemeindebund

Mit vier Jahren kam Max (Name redaktionell geändert) ins SOS-Kinderdorf nach Seekirchen, weil seine Eltern nicht entsprechend für ihn sorgen konnten. Er fand bei seiner Kinderdorf-Mutter eine neue Familie. Schon damals wussten alle Beteiligten: Wenn Max 14 Jahre alt ist, geht seine Kinderdorf-Mutter in Pension. In diesem Alter entscheidet sich meist, ob ein Jugendlicher in der Kinderdorffamilie bleibt oder in eine andere weiterführende  Einrichtung wechselt. Max entschied sich für einen Wechsel in eine andere Wohngemeinschaft. Er fand nach seinem Hauptschulabschluss eine geeignete Lehrstelle und wurde bald als so stabil eingestuft, dass er in eine kleine Garconniere mit stundenweiser ambulanter Betreuung umziehen konnte.

 Heraus aus der Familie, hinein in ein eigenständiges Leben. Dieser Schritt war damals für Max zu groß: Vereinsamung, auf einmal Geld zu verdienen, ein neuer Wohnort und zahlreiche Verführungen. Er hatte die falschen Freunde, begann Alkohol zu trinken und Drogen zu konsumieren, seine Handy-Rechnungen überstiegen das Bezahlbare. Schließlich verlor er auch noch den Job und kurz darauf die Wohnung. Die Betreuerin war zwar stundenweise da, doch letztlich hat er sie nie so akzeptiert wie seine Kinderdorf-Mutter. Er schlief auf der Straße, hausierte im Salzburger Bahnhof.
Die Unterbringung bei einer Kinderdorf-Mutter ist nur ein Zweig der SOS-Kinderdörfer. Mittlerweile versuchen die Sozialarbeiter auch direkt in den Familien zu helfen, um ein Auseinanderbrechen zu verhindern. ©Gemeindebund
Die Unterbringung bei einer Kinderdorf-Mutter ist nur ein Zweig der SOS-Kinderdörfer. Mittlerweile versuchen die Sozialarbeiter auch direkt in den Familien zu helfen, um ein Auseinanderbrechen zu verhindern. ©Gemeindebund

Zurück zur Familie Kinderdorf

Irgendwann erfuhr Kinderdorf-Leiter Wolfgang Arming durch Max‘ ehemalige Hausgeschwister vom Absturz des einstigen Vorzeigebeispiels. „Ich habe gesagt, dass ich ihm gerne helfe, aber er muss sich entscheiden, hierher zu kommen.“ Max stimmte zu und zog wieder zurück in ein freies Zimmer im Kinderdorf in Seekirchen. In seinem gewohnten Umfeld schöpfte er Kraft, stabilisierte sich, fand eine neue Lehrstelle und schaffte nun sogar den Lehrabschluss. Durch eine Patin konnten sogar seine Schulden beim Mobilfunkanbieter beglichen werden. Der Start in ein neues Leben scheint geglückt.

Individuelle Lösungen sind wichtig

Erfolgsgeschichten wie jene von Max gibt es viele. Mit 70 unterschiedlichen Einrichtungen – diese reichen von den bekannten Kinderdörfern, über Mutter-Kind-Wohnen, Jugend- und Kinderwohngruppen bis hin zur Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (später auch mit Aufenthaltsstatus) und dem Jugendberatungsdienst „147 – Rat auf Draht“ – ist die Organisation gemäß ihrem Motto „Jedem Kind ein liebevolles Zuhause“ in ganz Österreich aktiv. Zusätzlich werden rund 1.000 junge Menschen durch mobile Familienarbeit unterstützt. „Jedes Kind soll die passende  und maßgeschneiderte Hilfe bekommen, die es in der jeweiligen Situation braucht. Sei es durch Stärkung der eigenen Familie oder wenn dies nicht möglich sein sollte in anderer Form“, weiß Wolfgang Katsch, der Geschäftsleiter der SOS-Kinderdörfer in Westösterreich.

Um solche Erfolgsgeschichten zu ermöglichen, bedarf es einer hohen Bereitschaft für Individuallösungen. „Um beim Beispiel von Max zu bleiben: Das Kinderdorf bietet zwar eine Nachbetreuung an, doch die, die Max gebraucht hat, ist weit darüber hinaus gegangen“, betont Arming. Finanziert wird SOS-Kinderdorf über Spenden und die gesetzlich verankerten Sozialhilfeausgaben der Länder und Gemeinden. „Uns ist wichtig, dass die Gemeinden auch wissen, dass ihre Gelder hier gut aufgehoben sind. Wenn man in den Kinder- und Jugendjahren investiert, dann kostet das was. Dies zeigt jedoch positive Wirkung und rechnet sich ein Leben lang. Davon profitiert das Kind, die Familie und die Gemeinde. Wenn das nicht getan wird, dann sind die Folgekosten viel höher“, so Katsch.

Das niederschwelligste Angebot der SOS-Kinderdörfer ist "Rat auf Draht", das vom ORF übernommen wurde. Hier kann jeder anonym um Rat fragen. ©Gemeindebund
Das niederschwelligste Angebot der SOS-Kinderdörfer ist „Rat auf Draht“, das vom ORF übernommen wurde. Hier kann jeder anonym um Rat fragen. ©Gemeindebund

Zahlreiche Angebote für Gemeinden

Mit Rat auf Draht gibt es auch eine Telefonberatung, die kostenlos, rund um die Uhr anonym aus ganz Österreich erreichbar ist, und bei Fragen rasch weiterhilft. „Nicht nur für die Jugendlichen selbst, sondern auch für Eltern oder mit den familiären Problemen ihrer Bürger konfrontierten Bürgermeister/innen ist Rat auf Draht eine wertvolle Anlaufstelle“, erläutert Katsch. 80.000 Mal im Jahr wird dieser Dienst in Anspruch genommen. Erweitert wurde der Service durch die Chatfunktion, um näher an der Zielgruppe zu sein. Entsprechende Informationen finden Sie auf www.rataufdraht.at.

In vielen Gemeinden sind die Mitarbeiter der SOS-Kinderdörfer auch tätig, weil sie zeitlich begrenzt Familien betreuen, wie Katsch erklärt: „Es gibt selbst in den besten Familien Umstände, wo Eltern in der Erziehung anstehen. Und genau für solche Situationen bieten wir im Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe einen mobilen und präventiven Beratungsservice an. Unsere Berater besuchen dann ein paar Mal in der Woche die Familie und unterstützen bei der Erziehung. Auch hier mit dem Ziel, dass die Familie vor dem Auseinanderbrechen geschützt und zugleich gestärkt wird.“ Dieser Dienst wird in fünf Bundesländern (Burgenland, Kärnten, Steiermark, Tirol, Wien) angeboten. In Vorarlberg, Salzburg, Ober- und Niederösterreich gibt es ähnliche Angebote von anderen Organisationen.

Kinderdorf als integrativer Teil Seekirchens

Der Standort in Seekirchen wurde schon 1964 gebaut. Dabei hat Seekirchen schon immer Familienfreundlichkeit (Seekirchen hat das Audit familienfreundlichegemeinde abgeschlossen und befindet sich schon im Reaudit-Prozess) groß geschrieben, wie Bürgermeisterin Monika Schwaiger berichtet: „Damals wurde in vielen Gemeinden angefragt, aber Seekirchen hat zugesagt, dass das SOS-Kinderdorf hier errichtet werden kann. Das Kinderdorf ist einfach ein Teil von Seekirchen, der ganz natürlich zu Seekirchen gehört, genauso wie die Ortsteile Seemoos oder Mödlham“ Von einem Haus erweiterte man über Jahre auf zwölf Häuser. Mittlerweile gibt es in Seekirchen auch eine Kinderwohngruppe, ein Mutter-Kind-Wohnen und betreutes Kinderwohnen für unbegleitete Minderjährige sowie eine Nachbetreuungsstelle für alle SOS-Kinderdorfkinder, was für die Nachhaltigkeit der Unterstützung enorm wichtig und ein Alleinstellungsmerkmal der Kinderdörfer ist.

Stolz auf das SOS-Kinderdorf in Seekirchen: (v.l.) Wolfgang Arming, Leiter in Salzburg, Bürgermeisterin Monika Schwaiger und Wolfgang Katsch, Geschäftsleiter für Westösterreich. ©Gemeindebund
Stolz auf das SOS-Kinderdorf in Seekirchen: (v.l.) Wolfgang Arming, Leiter in Salzburg, Bürgermeisterin Monika Schwaiger und Wolfgang Katsch, Geschäftsleiter für Westösterreich. ©Gemeindebund

Kindergarten als Symbol für Inklusion

„Es ist schön, dass die Zusammenarbeit mit dem SOS-Kinderdorf so gut funktioniert. Es gibt auch viele Überschneidungen. So übernahm die Gemeinde 2011 den Kindergarten, wo nun die Kinder aus dem umliegenden Wohngebiet gemeinsam mit den Kindergartenkindern besuchen können. Das war sicher ein ganz wichtiger Schritt zur Inklusion“, freut sich Schwaiger und betont, dass ihr Kinder und Jugendliche auch ganz persönlich sehr am Herzen liegen, weil sie beruflich ursprünglich aus der Familienberatung kommt.

Von der Gemeinde werden Kinderdorf-Familien behandelt wie jede andere. Es gibt in Seekirchen nicht nur die aufsuchende Jugendarbeit oder den Sozialfonds, mit dem unbürokratisch und rasch in Notsituationen geholfen werden kann, sondern auch die Familienförderung, bei der Familien bei der Geburt eines Kindes sowie beim dritten, sechsten und zehnten Geburtstag eine finanzielle Unterstützung erhalten. „Das bekommen natürlich auch Kinderdorf-Eltern“, so Schwaiger. Sonst leistet die Gemeinde keine laufenden Beiträge für die Einrichtung, unterstützt aber beispielsweise bei behördlichen Anliegen, wenn diese erforderlich sind, oder beim Fördern der Toleranz.

Für die umtriebige Bürgermeisterin ist die Einrichtung heute nicht mehr wegzudenken: „Früher waren die Hauptgruppe in den SOS-Kinderdörfern Waisen. Heute sind es Kinder, deren Eltern nicht mehr für sie sorgen können. Das ist eine ganz traurige Entwicklung unserer Zeit. Ich bewundere alle Kinderdorf-Eltern für ihre Arbeit, die sie hier leisten und es erfüllt uns mit Stolz, dass das SOS-Kinderdorf bei uns in Seekirchen ist.“




Diesen Beitrag fand ich ...
0 0